Als Gast ist man König. Aber wer will das schon?

28 Okt

Warum lassen wir uns eigentlich so ungern helfen? Schon klar, als Kind will man erst mal alles „selber!“ machen. Den Saft ausschütten zum Beispiel oder das T-Shirt verkehrt herum anziehen. Aber hat man sich erst einmal daran gewöhnt, will man bitteschön auch als Erwachsener selber den Umweg auf fremder Strecke fahren. Nein, auf den eigenen Stolz braucht man ganz und gar nicht stolz sein. Erst recht nicht, wenn man am Gemüsemarkt die Fischbeilage lieber per Auszählreim auswählt, bevor man den hilfsbereiten Standler um Rat fragt. Der will einen ja doch nur übers Ohr hauen. Dann eben Sellerie zur Bachforelle. Dasselbe im Restaurant. Dort ist man Gast, will heißen König. So viel Macht darf man freilich nicht gleich wieder verschenken, indem man mit einem stotterndem „Qu’est-ce-que c’est?“ um Hilfe fleht. Dann schon lieber die französischen Hieroglyphen in der Speisekarte auf gut Glück selber deuten. Nach der Empfehlung des Küchenchefs braucht man gar nicht erst zu fragen. Die ist im Menü stets mit der höchsten Wertung, pardon, dem höchsten Preis ausgewiesen. Das weiß man ja. Und weil wir das alles so genau wissen, misstrauen wir allem und jedem. Allem außer dem Halbwissen, das wir uns am exotischen Magic Life Buffet in Sharm el Sheikh und von den selbsternannten Grand Chefs beim Perfekten Promidinner abgekupfert haben. Was wir dabei alles verpassen, das wissen wir zum Glück nicht. Topinambur zum Beispiel. Hätte ich nämlich nicht auf die saisonale Empfehlung meines Biolieferanten gehört und mir ein Kilo Erdäpfel einpacken lassen, würde ich Topinambur heute vermutlich in einem indischen Tempelführer nachschlagen.

König sein ist also doch nicht so toll. Wenn, dann schon lieber ein guter Gast. Ja, das will ich werden, wenn ich groß bin! Da helfen keine Fruchtzwerge, da hilft nur üben, üben, üben. Im 1070 am Wiener Spittelberg macht das Training besonders viel Spaß. Und noch mehr in Zweier-Teams. An acht kleinen Tischen wird man vorzüglich bedient und verköstigt. Nur eines wird man nicht – nach seiner Bestellung gefragt. Auf den Teller und in den Bauch kommt, was Küchenchef Patrick Sowa in seiner Zwei-Quadratmeter-Küche aus dem Kopf in den Topf zaubert: „Running Cooking“. Also: Auf die Plätze, fertig, mmmh! Wer an einer Meeresfrüchteallergie leidet oder an einer Jakobsmuschelphobie zu knabbern hat, muss sich selbstverständlich nicht auf die Zunge beißen. Obwohl es sich lohnt, sich auf das ein oder andere kulinarische Blind Date einzulassen. Sicher, die Maronischaumsuppe hätte ich so oder so gelöffelt und die Rum-Schokoladen-Crêpes in der Pfanne zu versetzen, wäre mir im Traum nicht eingefallen. Das zarte Kaninchen auf Pastinaken-Karotten-Gemüse, das hätte ich allerdings verpasst. Aber zum Glück war ich an diesem Abend ja ein guter Gast.

Zum Üben:

1070

Gutenberggasse 28, 1070 Wien, Di-So, 17.00-01.00 Uhr, vier Gänge Running Cooking 34€

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