Sind nachts alle Kuchen grau?

Bild: aboutpixel.de / HB1111

Halb zwölf Uhr nachts in der Kirchengasse. Endlich wieder Block-Party und mitten in der Nacht schauen, stöbern, shoppen was das Portemonnaie hergibt. Eigentlich schön. Nur schön blöd, wenn man grade gar keine Lust auf Einkaufen hat – ja, so was soll’s geben. Die hübschen handgefertigten Ohrringe im Schmuckladen lassen mich kalt und nicht einmal die sonst so gustiösen Sixxa-Prints wollen heute kaufberauschend wirken. Stattdessen fahren in meinem Kopf fein säuberlich glasierte Kuchenstücke auf einer dreistöckigen Etagere Achterbahn. Ich will Kuchen! Ich will Krümel! Das volle Programm. In so einer Situation fühle ich mich wieder darin bestärkt, Wien als meine zweite Heimat auserkoren zu haben und mache einen imaginären Knicks vor der Wiener Kaffeehauskultur. Dabei bemerke ich gar nicht, dass die sich schon vor zwei Stunden schlafen gelegt hat. Klar, ein liebevoll in der Mikrowelle aufgetauter Apfelstrudel wartet sicher schon an der nächsten Ecke – ich will aber keine reinkarnierte Tiefkühlleiche, ich will echten Kuchen und zwar echten, echt guten Kuchen! Da bin ich wählerisch, da steh ich dazu. Nicht umsonst hab ich mich zu Gymnasiumszeiten jeglichen Frühstücks bis auf Sachertorten, Linzerschnitten und Karottenkuchen verweigert. Und genau die will ich jetzt auch acht Jahre später und mitten in der Nacht. Zack, schon setzt die eingebildete Unterzuckerung mit vollem Karacho ein. Gibt’s für solche Fälle keine Mehlspeisenambulanz? Ein süßes Pendant zu den unzähligen Würstelständen, an denen Opfer einer mitternächtlichen Heißhungerattacke mit Käsekrainern erstversorgt und mit Debreziner-Hot-Dogs verarztet werden? Ihr könnt das Kuchenmesser wieder weglegen und einmal tief durchatmen, es gibt sie nämlich – diese großartigen Kaffeehäuser, in denen kleine Kuchen bis spät in die Nacht aufbleiben und mit Staubzucker und Schokoladensauce spielen dürfen. Man muss sie zwar suchen, aber schließlich hat die versteckte Schokolade einen auch noch immer für das ewige Topfklopfen entschädigt. Gelandet bin ich letztendlich im Cafe Landtmann vor einem pornösen Stück Weichselstrudel mit Schlagobers – der besten Mitternachtseinlage von allen. Dagegen kann jedes Silvesterfeuerwerk einpacken. Apropos einpacken – das lassen sich Kuchen zu später Stunde auch ganz prima. Zuhause werden sie dann am liebsten bei Kerzenschein und im Pyjama verzehrt. Bis die Stadt Wien endlich meiner Petition für einen 24h-Kuchen-Notruf Folge leistet, möchte ich euch vor den unappetitlichen Kuchenentzugserscheinungen bewahren und schreibe euch meine Top 5 Lebensretter auf – für alle Fälle:

Cafe Landtmann (bis 24 Uhr), Doktor Karl Lueger Ring 4, 1010 Wien

Cafe Leopold (So-Mi  bis 2 Uhr, Do-Sa bis 4 Uhr), Museumsplatz 1, 1070 Wien

Cafe Drechsler (bis 2 Uhr), Girardigasse 1, 1060 Wien

Das Möbel (bis 1 Uhr), Burggasse 10, 1070 Wien

Castelletto (24 Uhr), Rotenturmstraße 24, 1010 Wien

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