Die Spezies Hotelfrühstücker

Patrick Q via Flickr, Creative Commons
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Ich habe den Jahreswechsel erstmals in einem Hotel verbracht. Wenn es stimmt, dass das neue Jahr so wird, wie man es beginnt, dann werde ich 2011 also faul und fett. An guten Service und ein noch besseres Frühstücksbuffet gewöhnt man sich aber auch viel zu leicht. An das Schauspiel, das sich einem täglich aufs Neue im Frühstücksraum darbietet, auch. Denn obwohl sich die Darsteller abwechseln, bleiben die Charaktere immer dieselben.

aulia.m via Flickr, Creative Commons
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Da wären zunächst „die Gierigen“. Diese Gattung der Hotelfrühstücker findet man gewöhnlich in einem Radius von maximal fünf Metern ums Buffet. Ihr Erkennungsmerkmal ist ein stets voller Teller mit einer kunstvoll drapierten, maßstabsgetreuen Nachbildung des gesamten Angebots. Da gibt es schon mal Eierspeise auf Marmeladensemmel neben Obstsalat auf Mozzarella mit Tomaten – immer noch besser als einmal mehr unnötig aufzustehen, oder? Nicht, dass man das ganze gute Essen gleich wieder verbrennt! Aufgrund ihrer ausgeklügelten Stapeltechnik kann man die Gierigen leicht mit „den Teilern“ verwechseln. Diese possierlichen Paare meist jenseits der Fünfzig teilen neben dem gleichen Kleidungsgeschmack und Friseur auch ein und denselben Frühstücksteller.

Paul Evans via Flickr, Creative Commons
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Irgendwann passen sich eben auch die Essgewohnheiten an. Zuerst wird ein gemeinsamer Schinken-Käse-Teller arrangiert, dann einer mit Plundergebäck aufgeladen und zum Schluss noch partnerschaftlich ein Obstteller geteilt. Und weil man ja nicht nur für sich alleine anrichtet, nimmt man gerne von allem zuviel. Aber das macht nichts, denn geteilte Magenschmerzen sind schließlich halbe Magenschmerzen, oder so. Ein derartiger Faux-pas würde einer weiteren Gruppe von Hotelfrühstückern nie unterlaufen. „Die Gesunden“ haben beschlossen, ausgerechnet im Mekka des Morgenmahls auf die eigene Linie zu schauen.

Tristan Schmurr via Flickr, Creative Commons
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Mit der Entschlossenheit der Gierigen stürzen sie sich auf die Glaskrüge mit Rote Rüben- und Karottensaft und gönnen sich als spezielles Highlight eine ganze Grapefruit. Die Gesunden zeichnen sich unter anderem durch eine besonders ausgeprägte Kiefermuskulatur aus, mit der sie jeden Bissen mindestens fünfzigmal kauen. Typisch sind auch wiederholte Bekundungen darüber, wie satt sie schon sind, und nicht zuletzt der starre Blick auf die Ham and Eggs am Nachbartisch. Die lösen bei „den Snobs“ freilich noch lange keinen Speichelfluss aus. Um auf deren Teller zu landen, muss man schon ein Rührei mit Trüffelöl oder wenigstens ein pochiertes Ei im Kaviarnest sein. Lachs darf es sein und Champagner, bittesehr! Butter und Marmelade isst man zuhause, aber doch nicht im All Inclusive Hotel. Das wird auch dem Nachwuchs frühzeitig eingetrichtert. Also kein Schinkensemmerl für Karli Junior sondern Tintenfisch-Tartare auf Toast. Schließlich hat man ja dafür bezahlt, denken sich auch „die Extrawürste“, die am Buffet stets bescheiden zu Werke gehen. Kein Wunder, ist vom Gewünschten dort keine Spur. Wo ist die Hafermilch? Gibt es auch fettarmes Joghurt? Könnte man das Omelette mit zwei Dottern und vier Eiweißen zubereiten? Und wäre es möglich, eine Kanne mit purem Milchschaum zu bekommen?

David Berkowitz via Flickr, Creative Commons
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Aber wer im Frühstücksraum sitzt, soll nicht mit Buttermessern werfen. Darum bekenne ich mich: Ich bin „ein Gustierer“. Die sind zwar gesellschaftstauglicher und magenverträglicher als manch andere Hotelfrühstücker, dafür – zu Recht – vom Personal ungeliebt. Mein Frühstück besteht aus einem Blättchen Käse hier, einem Stück Brioche dort, ein paar Löffel Joghurt, ein bisschen von dem Birchermüsli, ein wenig Weichselmarmelade und einem weichen Ei – alles auf eigenen kleinen Tellern und in extra Schüsselchen versteht sich. Bei so einem Porzellan-Verschleiß muss man aufpassen, dass das Geschirr das Einzige bleibt, was von den Kellnern abserviert wird. Letztendlich sind Hotelfrühstücker aber irgendwie doch alle gleich – wenn auch nur gleich sonderbar. Und die Kanne mit Milchschaum war übrigens für mich.

Foto-Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic

 

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