Ein Königreich für Dosenravioli.

Bild: Sander Digital Pictures © welt.de

Jedes Jahr, wenn die Temperaturen über die fünfundzwanzig Grad Marke klettern, ist es wieder soweit. Festivalsaison. Kulinarischer Ausnahmezustand. Und Blütezeit eines sonst eher vernachlässigten Lebensmittels, dessen Nachfrage mit dem ersten Open-Air-Festival rapide in die Höhe schnellt. Sie sind glitschig, zu Tode verkocht und nahezu geschmacksfrei, aber zugleich das Ambrosia der Camper: Dosenravioli. Der Fixpunkt auf jeder Zeltlager-Checkliste und Geheimtipp erfahrener Festivalbesucher, die ihre Fastfoodsünden bereits in stundenlangen Dixiklo-Sitzungen abgebüßt haben. Matschige Nudeln in roter Pampe – von so was können Tütenmampfer und Trockenwurstkauer nur träumen, vor allem bei der vor Ort gebotenen Verpflegung. Neofestivalgeher   sind wohl die einzigen, denen beim Anblick der in Reih und Glied das Gelände umzäunenden Imbissstände das Wasser im Mund zusammen läuft, alle anderen sind inzwischen längst auf Brechreiz konditioniert. Das Speisenangebot liest sich wie das Who is Who der Magenverderber: Kebab mit in der prallen Sonne vor sich hinbrodelnder Joghurtsauce, Asia-Nudeln in Glutamat-Panier und umweltfreundliches Langos – umweltfreundlich deshalb, weil dasselbe Öl endlos wiederverwendet wird. Wer keinen Gaskocher besitzt, sich tatsächlich an dessen Verbot am Campingplatz hält oder beim Einkaufen zugunsten einer weiteren Palette Bier auf Grundnahrungsmittel verzichtet hat, reiht sich früher oder später trotzdem in die Schlange der Todgeweihten vorm Imbiss ein. Und ehe man sich’s versieht, befindet sich der Moshpit nicht mehr vor der Bühne, sondern im eigenen Magen. Spätestens dann beginnt jeder vom Luxus in der Dose zu halluzinieren. Obwohl die eigene Lieblingsband, der Hauptgrund für die ganze Odyssee, noch gar nicht gespielt hat, sehnt man schon das Ende des Festivals herbei, um endlich den nächsten Supermarkt zu stürmen und schnurstracks auf das Regal mit den Dosenravioli zuzusteuern. Endlich! Aber wo man schon mal hier ist, kann man auch gleich was „Richtiges“ zu essen kaufen. Wer will schon schnöde Ravioli aus der Dose?

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  • Ich habe mir auf Festivals nie den Magen verdorben, aber hey, damals war ich auch noch jung und agil. Oder es lag daran, weil es immer geregnet hat und saukalt war. Wer weiß das schon so genau.

  • hehe – auf festivals wars immer verregnet und daher schlammig und ja – ich war auch jung und das essen war meist 100% flüssig 😉

    • Das Essen hat sich also nach dem Wetter gerichtet: flüssig und matschig – da passen die Dosenravioli ja ganz gut rein 🙂 Das ist bei den meisten Jugendlichen wohl auch heute noch so. Beim diesjährigen Urban Art Forms waren am letzten Tag an den Bars sogar plötzlich die Getränke aus – bei der Hitze nicht so lustig.

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