Gute Fahrt und guten Appetit!

Bild: Carl Warner © Foodscapes, all rights reserved

Das Beste am Reisen ist und bleibt der Proviant. Mit nichts anderem lässt sich die Fahrzeit so schön vertreiben wie damit, sich von oben bis unten vollzubröseln und anzuzuckern. Hat man es erst mal geschafft, rechtzeitig am Abfahrtsort zu erscheinen, sein Gepäck zu verstauen, einen freien Platz zu okkupieren und es sich auf diesem – so gut wie in der zweiten Klasse eben möglich – gemütlich zu machen, kann die Reise zum Mittelpunkt der Jausenwelt losgehen. Die einen verzichten auf jegliche Extrawurst und greifen direkt zur gleichnamigen Semmel, während die anderen bereits beim bloßen Anblick des Nougatcroissants, das sie sich sonst immer eisern verkneifen, dahin schmelzen. Das soll dem frisch aus dem Automaten gepurzelten Schokoriegel freilich nicht passieren, weshalb man ihn am besten schnellstmöglich vernichtet. Nicht dass er noch dem nervösen Anzugträger in der ersten Reihe zum Opfer fällt, der so energisch auf seinem Kaugummi herumkaut, weil er zwar jede Menge Stress aber scheinbar kein Lunchpaket im Gepäck hat. Vielleicht hat er ja Glück und der Bordservice macht seinem Namen alle Ehre – wenn man bei überteuerten und geschmacksfreien Sandwiches wirklich von Glück reden kann. Ein paar Reihen weiter hinten versucht ein Student im Wachstum gerade jeden einzelnen Millimeter seines winzigen Klapptischchens auszunutzen, indem er ein vollständiges, nicht gerade vollwertiges, Fastfood-Menü mit Burger, Pommes und Sauce auffährt. Sehr zum olfaktorischen Leidwesen der restlichen Fahrgäste, die es am liebsten ein paar Kartoffelstäbchen gleichtun und sich von der Tischkante stürzen würden. Der hat wohl noch nie was von Studentenfutter gehört, denken sich ein paar Damen mittleren Alters, die auf einer vorangegangenen Reise garantiert den Bestseller „Warum französische Frauen nicht dick werden“ gewälzt haben, und rascheln demonstrativ mit ihrer Bio-Nussmischung. Gegenüber wird gerade laut krachend ein Apfel verputzt – bis auf den Apfelputzen, mit dem mal wieder keiner weiß wohin. Dazwischen das harmonische Gezische von PET-Flaschen und übersprudelnden Aludosen, das Gurgeln mit Cola und Eiskaffee. Mit jedem Meter, den sich das Verkehrsmittel von der Station entfernt, stimmt ein weiterer Fahrgast in den köstlichen Kanon mit ein, bis über sämtliche Sitzreihen hinweg genüsslich geschmatzt, geschlürft und geknabbert wird. Sind dann erst mal alle Papiertüten geleert und die Klapptischchen wieder in vertikale Position gebracht, ist es bis zur eigenen Endstation meist nicht mehr weit, wo einen schon Wurstsemmeln, Nougatcroissants, Schokoriegel und jede Menge Fastfood freudig erwarten – Reisen macht schließlich hungrig.

No Comments

  • Ja wunderbar! So haben wir das tatsächlich mal auf einer Fahrt nach Oberstdorf erlebt. Da die Erstgeborene und ihr Freund zwei Sitzreihen weiter weg saßen, hatten wir auch ordentlich damit zu tun, unsere Fresspakete hin und her zu reichen. Dazwischen saßen zwei Mütter mit vielen kleinen Kindern, die auch einen extra Koffer für die Fressereien mitzuhaben schienen. Wir hatten alle viel Spaß miteinander, haben am Ende die Fresspakete auch untereinander getauscht und uns heimlich eingestanden, dass manche Leckereien aus dem Laden wo es aldi schönen Sachen gibt stammten. Sie sehen also: Essen im Zug fördert die Kommunikation

    • Oh ja, Jause tauschen war schon damals in der Schule der Hammer, und das hat sich bis heute nicht geändert 😉 Da wird die Fahrt vom Mittel zum Zweck zu einem richtig netten Ereignis. Schön!

  • Lustig, ich hatte erst neulich diese Situation – 6 Stunden und 21 Minuten im ICE. Ein Gemisch an den verschiedensten Leuten – Reiselustige, Pendler, Studenten. Je nachdem fällt dann auch meist das Essen aus. Ich konnte mit einem mit Käse und Tomaten belegten Vollkornbrot aufwarten, die Dame neben mir mit einer Semmel, die sie ständig in ein Fässchen mit frischem Rotkäppchen Landrahm eintauchte. Satt wurde ich nicht, aber ich wollte auch keines der überteuerten Board Restaurant-Speisen erwerben. Deshalb musste ich dem IT-ler gegenüber von mir ewig zuschauen, wie er sich Gummibärli in den Mund stopfte. Völlig faszinierte mich allerdings ein circa 70-jähriger Uniprofessor, der Greenpeace zugetan war – das hörte ich aus einem Telefonat heraus. Er trank in den 4h Fahrt genüsslich 1,5 Flaschen Rotwein, die er dann immer wieder hinter seinem Rucksack versteckte. Nach einem Besuch im Boardrestaurant kam er mit M&Ms wieder, die er parallel zum Wein (aus seiner mitgebrachten Flasche) schubweise in seinen Mund katapultierte. Dabei las er eine Wirtschaftszeitung, tippte mit der 1-Finger-Technik Wörter in sein Macbook und telefonierte hin und wieder. Alles ganz intellektuell natürlich. Außer, dass er dabei seine Schuhe auszog. Ja, tatsächlich. Hehe… Bahn fahren wird doch nie langweilig 😉

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *


*