Versetzt von einem Risotto.

13 Sep

Bild: Bite Silverware © Mark A. Reigelman

Nach unzähligen gewohnt genussvollen Verabredungen mit dem eigenen Lieblingsessen im Lieblingsrestaurant bekommt man schon mal Lust auf etwas Neues. Ein kulinarisches Abenteuer, einen Flirt mit dem Unbekannten – und vor allem Ungegessenen. Zeit für ein Blind Date! Mein Rendezvous: Ein Risotto, von dem ich nicht allzu viel weiß, außer dass es „wahnsinnig gut“ und „genau wie in Italien“ schmecken soll, und das auch nur aus Erzählungen. Vielleicht ist da wirklich was dran und mein Date reist tatsächlich aus Italien an, denke ich und werfe einen skeptischen Bick auf die Uhr. Mein Blind Date beginnt ganz nach dem Geschmack eines Hollywood-Regisseurs: Die nervös an ihren Haaren herumzwirbelnde Dame – moi – nimmt an einem für Zwei gedeckten Tisch Platz und leert gegen die Aufregung erst einmal ein Glas Weißwein auf ex. Geplant war ein Treffen um 19 Uhr und auf die Minute genau ist natürlich auch mein Hunger getimed. Nun ist es aber schon 19.15 Uhr und von dem herbeigesehnten Risotto keine Spur. Geheimnisvoll ist mein Begleiter also schon mal. Einem guten alten Freund – der Pizza Marinara beim Stammitaliener oder dem Linsencurry beim rappelvollen Lieblingsinder – verzeiht man sein Zuspätkommen schon mal, aber beim ersten Date ist das natürlich bitter. Schnell noch einmal nachschenken, um diesen Geschmack runterzuspülen. Der Haken bei Blind Dates ist immer, dass man nicht weiß, ob sich die ganze Warterei überhaupt lohnt. Also beginne ich mich zu fragen, worauf ich mich da überhaupt eingelassen habe. Vielleicht bringt ja das dritte Glas Wein die Antwort. Wie ein Mauerblümchen im Film hebe ich bei jedem Teller, den der Kellner in meine Richtung trägt, erwartungsvoll den Blick, um ihn gleich wieder enttäuscht zu senken und dafür mein Glas zu heben. Zu dem Loch in meinem Magen – von Schmetterlingen keine Spur – gesellen sich jetzt auch noch die ersten Gewissensbisse. Wäre ich doch beim Altbekannten geblieben. War ja klar, dass das nichts wird. Auf Speisenempfehlungen sollte man sich eben genauso wenig verlassen wie auf Drohungen à la „Oh mein Gott, ich hab den perfekten Mann für dich!“. Bevor man schon wieder enttäuscht wird, bleibt man lieber gleich Single – und hungrig, richtig? Falsch! Denn genau in dem Moment, als ich überlege noch eine zweite Flasche Wein zu ordern, bekommt mein Gedeck plötzlich Gesellschaft und vor mir steht ein Prachtexemplar von einem Risotto. In weißem Porzellan herausgeputzt und so verführerisch duftend, dass ich meine Armbanduhr, meinen leeren und bedrohlich knurrenden Magen und die mittlerweile ebenso leere aber tonlose Flasche Weißburgunder im Nu vergesse. „Ob ich schon lange warte? Nein gar nicht. Schön, dich endlich kennenzulernen!“

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Eine Antwort to “Versetzt von einem Risotto.”

  1. K. Oktober 23, 2011 at 12:07 nachmittags #

    Ich liebe Metaphern :-) …und sooo wahr. Mmh… ich will auch!

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