Nichts für schwache Geschmacksnerven.

17 Jan

Ein Markt ist ein Umschlagsplatz, wo Waren feilgeboten und von kaufkräftigen Kunden erworben werden. Zumindest war er das einmal. Zwar stehen die Standler und ihre Produkte genau wie früher in Reih und Glied am Markt und sehen zum Anbeißen aus – ja, manchmal auch die Standler – nur kommen die Kunden heutzutage mehr zum Kosten als zum Kaufen. Statt dem nötigen Kleingeld bringen sie lieber unnötig großen Hunger mit. Vor einem All-you-can-eat-Buffet isst schließlich auch keiner was. Mit so einem scheinen viele den Markt zu verwechseln, wenn sie mit furchteinflößend knurrendem Magen das Gelände stürmen und sich auf die hübsch arrangierten Kostproben stürzen. Von einem derartigen Andrang können die Pfarrer der katholischen Kirche bei der Kommunion nur träumen – vielleicht sollten sie es statt mit Oblaten einmal mit geweihten Salzmandeln, Browniekrümeln oder Käsewürfeln versuchen. Bei so einem Markt-Spaziergang lässt sich gut und gerne ein mehrgängiges Mittagessen zusammenschmarotzen. „Probieren geht über studieren“ lautet die Devise, also wird frei von der Leber weg gegrabscht, geschmatzt und einverleibt. Nur genossen wird nicht. Wie soll man sich auch auf den feinen Geschmack eines gereiften Bergkäses konzentrieren, wenn man zuvor eingelegte Gewürzgurken gefolgt von italienischer Lakritze verputzt und mit einer siebzigprozentigen Heißen Schokolade mit Minz-Note hinuntergespült hat?

Bild: Flickr © ohocheese

In Journalistenkreisen heißen die Nimmersatts, die Pressekonferenzen eher wegen der Aussicht auf ein besseres Buffet statt auf eine gute Story aufsuchen, „Earls of Sandwich“. Das Verhalten, das beim kollektiven Schnorren an den Tag gelegt wird, ist jedoch ganz und gar nicht die feine englische Art. Unter dem Motto „Wer es findet, dem gehört’s“ werden ganze Käselaibe, Schokoladetafeln und Kuchenstücke in Eigeninitiative zur Kostprobe erklärt. Ein höfliches „Bitte“ hört man zwischen dem lauten Geschmatze nur selten – von einem „Danke“ ganz zu schweigen. Der Großteil der Marktbesucher kommuniziert sowieso in Zeichensprache, zeigt auf etwas, hält die Hand auf oder legt ebendiese gleich selbst an. Wenn einmal ein Kunde den Mund aufmacht, ohne sich sogleich einen Leckerbissen hineinzuschieben, dann nur um darum zu feilschen wie am Flohmarkt – Second-Hand-Ware kommt allerdings nicht in die Tüte. Letztendlich wird aber auch am Markt nichts so heiß gegessen wie gekocht und aus so manchem Koster doch noch ein Käufer. Und wer jetzt glaubt, als Marktarbeiter hätte man nichts zu lachen, der war noch nicht am Stand mit den extrascharfen Chilisaucen.

 

 

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3 Antworten to “Nichts für schwache Geschmacksnerven.”

  1. Nadja Januar 18, 2012 at 9:50 vormittags #

    Ui, also in Graz sind sie alle noch ganz brav, die Kunden. Aber am Naschmarkt sind die Standler auch sehr anbietfreudig!

    Liebe Grüße
    Nadja

    • Sarah Satt Januar 18, 2012 at 11:31 vormittags #

      In London sieht die Sache etwas anders aus – liegt wohl auch daran, dass hier viele Touristen unterwegs sind, die statt mit einer Einkaufsliste mit einem Stadtführer auf den Markt kommen. Das Kosten gehört zu einem Marktbesuch schliesslich dazu, nur auf die guten Manieren sollte man vor lauter Appetit nicht vergessen. Lieber Gruss, Sarah

  2. Hannelore März 31, 2012 at 8:35 vormittags #

    Hallo Sarah
    Alles LIebe zu deinem Geburtstag!!!!!!!!!!!
    Habe leider deine Telefonnummer noch im alten Händy.
    Ich hoffe dir geht es gut.
    Wünsche dir für dein tolles Vorhaben viel Glück!!!!!!!
    Vieleicht bist ja wieder einmal zu Haus auf einen Kaffee.
    Alles Liebe Hannelore

    Du schreibest super toll, freue mich immer etwas neues von dir zu lesen.

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