Von Suppenkasparn, Teilzeitdiäten und anderen Unverträglichkeiten.

8 Feb

Bild: Knatter Kinderlöffel © Donkey Creative Lab

Wenn jemand „nichts essen kann“, kann das viel bedeuten. Zum Beispiel, dass es ihm gerade nicht möglich ist, etwas zu sich nehmen weil er kurz zuvor gevöllert hat. Oder die Nahrungsaufnahme wird ihm verwehrt weil er sich in der Gaststube erst zu später Stunde eingefunden hat, zu der zwar die Zapfhähne heißlaufen, die Küche aber längst kalt ist. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass derjenige auf ein oder mehrere Lebensmittel allergisch reagiert – ob nun physisch oder psychisch. Wenn man es ganz genau nimmt, ist „können“ hier überhaupt das falsche Wort. Tatsächlich kann nämlich auch der laktoseintoleranteste Mensch fünf Liter Kuhmilch in sich hineingießen, selbst ein Veganer ein ganzes Grillhuhn bis auf die Knochen abnagen und sogar eine Sasha Walleczek eine Schwarzwälderkirschtorte verputzen. Wer das Privileg hat, sich aussuchen zu können, was er isst, hat auch jenes, darüber zu entscheiden, was er alles nicht isst. Das gilt für den wohlgenährten Arbeitskollegen, der nach Atkins und Trennkost momentan total auf die Glyxdiät schwört, genauso wie für den älteren Herren, dem ein Bekannter von mir vor wenigen Tagen begegnet ist. Mein Bekannter wollte sich morgens schnell einen Cappuccino holen, als er neben der Tür einen frierenden Obdachlosen entdeckte. Ohne lange zu überlegen, kaufte er ihm eine wärmende Hühnersuppe. Und was tat der arme Kerl? Er wollte stattdessen lieber den Kaffee haben – wie sich herausstellte, war er nämlich Vegetarier. Der frischgebackene Besitzer eines koffeinhaltigen Heißgetränks hatte vielleicht keine ordentlichen Schuhe und offensichtlich kein Zuhause, aber eiserne Prinzipien in Sachen Ernährung, die hatte er. Die hat heutzutage jeder und ich bin da keine Ausnahme: ich esse Fleisch ausschließlich, wenn ich genau nachvollziehen kann, woher es kommt (also sehr selten), bei mir landen nur Freilandeier im Eierbecher und wenn ich zwischen „bio“ und „regional“ wählen muss, kommt in mir die Patriotin durch. Nach einer einmonatigen Test-Diät ohne Käse, Tomaten, Spinat, Wein, Bier, Sojaprodukte, Nüsse, Schokolade und Weizen kann ich von Glück sagen, dass ich unter keiner Histamin-Unverträglichkeit leide. Dafür haben die massiven Einschränkungen beim Einkaufen und auswärts Essen eine ganz andere Intoleranz bei mir hervorgerufen – nämlich gegenüber denen, die sich ohne gesundheitliche Gründe bestimmtes Essen verbieten. Zum Glück sind die meisten Menschen nicht so willensstark, ihre selbstauferlegten Verbote langfristig durchzuhalten, sodass die vierzehnjährige Neo-Veganerin, die sich seit dem letzten Konzert einer Straight-Edge-Band nur mehr von Sojapudding ernährt, nach drei Wochen doch wieder Butter und Honig auf ihr Frühstücksbrot streicht. Weil sie nicht anders kann. Oder gerade weil sie kann und froh darüber ist. Zu einer Freundin mit einer Vielzahl von Unverträglichkeiten hat einmal jemand gesagt „Ich beneide dich wirklich. Wenn ich das alles nicht essen dürfte, wäre ich auch viel schlanker.“ Solche Menschen darf man aber nicht zu ernst nehmen. Wer nicht genießt, ist eben ungenießbar.

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5 Antworten to “Von Suppenkasparn, Teilzeitdiäten und anderen Unverträglichkeiten.”

  1. Nadja Februar 8, 2012 at 9:13 vormittags #

    Ich sollte keine Milchprodukte und kein Obst essen. Natürlich tu ich es trotzdem, aber in Lokalen und auswärts (z.B. auf Urlaub) bin ich ganz genau. Da geh ich meinen Mitreisenden schon ziemlich auf den Wecker, wenn wir z.B. stundenlang ein vegetarisches Mittagsgericht finden müssen. Wenns gar nicht geht, bin ich aber nicht so eine, die die selbstauferlegten Verbote ewig durchhält.

    Auch wenns besser für meinen Bauch wäre.

    Liebe Grüße
    Nadja

    • Sarah Satt Februar 8, 2012 at 9:30 vormittags #

      Oh ja, das kenne ich. Wir haben meinetwegen auch schon bis zu fünfmal das Lokal gewechselt, bis was passendes auf einer Karte zu finden war. Ich denk mir, wenn ich nur dreimal am Tag die Chance hab, meinem größten Hobby – dem Essen – nachzugehen, dann richtig. Ganz von meiner Liste streichen werde ich aber sicher kein Lebensmittel.

      Lieber Gruß,
      Sarah

  2. Isabell Juni 20, 2012 at 12:51 nachmittags #

    Wunderbar geschrieben! Und ich konnte mir auch schon anhören, ach du hast es gut – du kannst erst gar nicht in Versuchung kommen dies zu essen… Ich hätte lieber die Möglichkeit mir auszusuchen, ob ich jetzt Lust habe es zu essen oder nicht und nicht darauf verzichten zu müssen.
    lg

    • Sarah Satt Juni 20, 2012 at 1:57 nachmittags #

      Hallo Isabell,
      dankeschön! Eine Lebensmittelunverträglichkeit ist wirklich nichts Wünschenswertes. Umso schlimmer, wenn man erst eine entwickeln muss, um das einzusehen.
      Lieber Gruß,
      Sarah

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