Essen ist eine äußerst gesellige Tätigkeit. Man tut es gemeinsam mit der Familie, zusammen mit Freunden oder WG-Mitbewohnern, mit Arbeitskollegen und Vereinskumpanen. Im schlimmsten Fall leistet einem die blonde Fernsehsprecherin auf der anderen Seite des Plasmabildschirms mit peinlicher Vertrautheit Gesellschaft. Im besten Fall jemand, dem man noch nie zuvor begegnet ist. Dazu gehört neben Hunger allerdings auch eine ordentliche Portion Mut. Und ab und zu ein glücklicher Zufall – so wie vor jener, der mir vor zwei Wochen widerfahren ist. Wenn man eingeladen wird, einem viergängigen Menü inklusive Weinbegleitung, Küchenführung und Käseverkostung im Bärendräck beizuwohnen, stellt sich die Frage „ja oder nein?“ nicht, dafür aber eine ganz andere: „Mit wem?“. So ein Essen gönnt man sich üblicherweise nicht ohne Grund und erst recht nicht alleine. Deshalb finden sich gegen 19 Uhr längst erwachsene Geburtstagskinder samt Gratulanten, auf Wolke Sieben schwebende Paare, sich viel zu erzählen habende Freude und glücklich vereinte Familien mit mir an der langen Tafel ein. Im Gegensatz zum Rest bin ich weder zum Feiern da, noch um mit jemandem unter dem Tisch zu füßeln und auch nicht, um diverse Fauxpas aus meinem Privat-, Berufs- oder Liebeslebens unter ebenjenen zu kehren. Ich bin zum Essen da – und zwar ausschließlich. Wer alleine – also ohne vertraute Begleitung – isst, hat nämlich das Privileg, sich einmal voll und ganz auf die Schätze auf seinem Teller konzentrieren zu können. Statt von süßen Liebesbekundungen und pikanten Details aus der ewig brodelnden Gerüchteküche wird jeder Gang von gut verträglichem Smalltalk und leicht verdaulichen Anekdoten begleitet. Das Gespräch ist die Beilage, nicht das Hauptgericht. Anstelle über meinem nächsten geistreichen Satz zu grübeln, kann ich mich ganz den kalorienreichen Leckereien auf meinem Teller widmen, die ich bedächtig mit dem Messer auf meine Gabel eskortiere. Statt wie das fünfte Rad am Speisewagen, fühle ich mich im wahrsten Sinne des Wortes köstlich unterhalten – fast als säße ich im Theater mitten auf der Bühne. Die Hauptrolle spielt zwar das zart geschmorte Piemonteser Rind an Wirsing-Karottengemüse mit in Salz eingelegten Zitronen und Acquerello Risotto, aber auch an den Nebendarstellern kann ich mich kaum sattsehen. Angesichts der silbernen Platten, auf denen jedes Gericht im familiären Stil serviert wird, ergeben sich allerhand spannende Situationen. Wer greift zuerst zu? Wer hievt sich die größte Portion auf den Teller und wer wagt es, das letze Stück vom Dessert zu stibitzen? Ich verstehe gar nicht, warum sich so viele Menschen dagegen sträuben, alleine in einem Restaurant Platz zu nehmen. Es ist ja nicht so, als würde man versuchen mit sich selbst Viererzuschnapsen. Überwiegt die Angst, als asozial abgestempelt zu werden? Womöglich sogar jene, dass einem bei voller Konzentration auf die Speisen, Mängel auffallen, die sonst im seichten Geplauder untergehen? Oder fürchten sie, dass sich womöglich sonstwer zu ihnen setzten könnte? Vielleicht so jemand, wie bei meinem letzten Besuch im Londoner „Books for Cooks“. Platzmangel sei Dank bin ich dort neben drei von Testküchen-Chef Eric mit viel Liebe und französischem Charm zubereiteten Gängen in den Genuss der Bekanntschaft einer sympathischen Britin und ihres kunterbunten Reiseberichts über Hongkong gekommen. Wer immer nur Dasselbe isst, der verpasst eine Menge, so viel steht fest. Weshalb sollte man dann immer mit Denselben essen? Das nächste Mal reserviere ich vielleicht einfach einen Tisch für Vier und lasse mich überraschen, wer kommt.
Sarah allein beim Schmaus.
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