Vier Tage Keimzeit und kein Todesfall.

19 Aug

Bild: © Sarah Krobath

Horatio Caine kann mit seinem CSI-Team gerne meinen Keller auf den Kopf stellen. Dort wird er keine Leichen finden. Für den Fall, dass er jedoch einen Blick in meinen Biomüll riskiert, plädiere ich auf unzurechnungsfähig. Auf die Frage, welches denn meine Lieblingsblumen sind, gibt es nur eine Antwort: „pflegeleichte“. Das scheint sich inzwischen herumgesprochen zu haben – vielleicht ist es aber auch reiner Zufall, dass ich  von Freunden nie gebeten werde, während ihres Urlaubs ihren Balkongarten zu gießen. So fürsorglich wie ich regelmäßig meinen Kühlschrank überfüttere, mein Gewürzregal aufstocke und meine Kochbücher nach Alphabet, Umfang und manchmal auch nach Farben sortiere, so nachlässig bin ich bei Angelegenheiten, die eine tägliche Routine erfordern. Nicht nur, dass jedes meiner Tamagotchis frühzeitig ins pixelige Gras gebissen hat, ich habe auch noch eine ganze Reihe Hermanns auf dem Gewissen. Erinnert sich noch jemand an den Kuchen aus Sauerteig, den man täglich mit Mehl, Zucker und Milch füttern musste, um ihn nach zehn Tagen endlich zu backen? Der Hermann ist quasi der Kettenbrief unter den Kuchen – einer setzt den Teig an, päppelt ihn zur doppelten Menge auf, teilt und verschenkt ihn. Bei mir haben Hermanns eine ähnlich geringe Lebenserwartung wie Orchideen oder Minzepflänzchen. Das ignorierten meine Freundinnen allerdings, beglückten mich weiterhin und lösten damit eine regelrechte Mordserie aus. Ich hatte mich schon fast mit meinem Schicksal abgefunden – Alles, was König Midas anfasste, wurde zu Gold. Was ich anfasse, wird eben zu Biomüll. – als mir eine Freundin ein Päckchen mit Alfalfa-Samen, auch Luzerne genannt, schenkte.

Bild: © Sarah Krobath

Da ich keinen Sprossenkultivator  besitze – zu versagen ist eine Sache, es trotz des besten Equipments zu tun, eine ganz andere – habe ich die Samen kurzerhand in ein Honigglas aus meiner hauseigenen Altglassammlung einquartiert. „Einen Teelöffel Samen sechs Stunden in Wasser einweichen und dann jeden Tag morgens und abends einmal mit frischem Wasser spülen – das ist deppensicher“, war mir gesagt worden. „Todsicher“, dachte ich. Am zweiten Tag wollte ich schon den Leichensack, pardon, Biomüllbeutel auspacken, als mir bewusst wurde: Das Glas ist halb voll! Die kleinen Keimlinge, die sich bereits nach dem ersten Tag zu erkennen gaben, hatten nicht nur überlebt, sie waren sogar gewachsen. Am dritten Tag war das Honigglas so überfüllt wie es die heimischen Schwimmbäder während einer Hitzewelle sind und ich musste die Hälfte der Sprossen in ein zweites Glas übersiedeln. Eben noch der Müll-Midas, kam ich mir vor wie das Mädchen aus dem Märchen mit dem Topf, der endlos Brei kocht.

Bild: © Sarah Krobath

Zum Glück sind Sprossen sehr umgänglich – sie fühlen sich auf dem Butterbrot gleich wie zuhause, machen als Topping auf Salat und Gemüsegerichten eine gute Figur und mischen sich gerne in Smoothies unter andere Zutaten. Obendrein stecken sie auch noch voller Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente und helfen unserem Stoffwechsel und Immunsystem auf die Sprünge. Sprießen lassen kann man unterschiedlichstes Saatgut – von Gemüse wie Radieschen, über Hülsenfrüchten wie Mungobohnen oder Kichererbsen, bis hin zu Getreidesorten, Ölsamen und sogar Gewürzen. Sie gedeihen das ganze Jahr über und auch ganz ohne grünen Daumen. Ab sofort gibt es in meiner Küche täglich selbstgezogene frische Sprossen – Lebensmittel statt Tote.

 

Kaufen kann man Saatgut zum Keimen in Reformhäusern, Naturkostläden oder beim Gärtner seines Vertrauens. Angaben zum Einweichen und Keimen lassen gibt’s hier.

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4 Antworten zu “Vier Tage Keimzeit und kein Todesfall.”

  1. Himbeerschoko August 20, 2012 um 10:35 vormittags #

    Ich musste herzhaft lachen bei deinem Beitrag- und kann dich nur allzu gut verstehen :-)

    Vielleicht ist das auch bei mir der Grund, warum sich fast IMMER frische Sprossen auf meiner Fensterbank finden, wer weiß? Wenigstens etwas, das mich täglich aufs Neue mit Stolz erfüllt hihi

    Lass sie dir schmecken, deine kleinen Powersprossen!

    • Sarah Satt August 28, 2012 um 3:46 nachmittags #

      Danke! Das freut mich sehr :-) Meine nächsten Powersprossen sind schon in Arbeit – wenn man das bisschen Spülen überhaupt als solche bezeichnen kann.

      Lieber Gruß,
      Sarah

  2. Heike August 20, 2012 um 3:57 nachmittags #

    Hihi, absolut genüsslich geschrieben! Ich kann die Einstellung aber total nachvollziehen. Selbst jetzt schreiben noch regelmäßig irgendwelche Nachrichten, wie gefährlich die Sprossen doch seien.

    Ich habe auch letztens noch darüber gelesen, wie sich der Betreiber von http://www.sprossen-keimlinge.de dazu geäußert hat, dass die Seite ziemlich tot war, nach dem „Sprossen-Skandal“. Aber mittlerweile scheint sich das zu normalisieren. Ähnliches hatte auch ein Hersteller aus Berlin veröffentlicht, der seinen Betrieb vorübergehend schließen musste.

    Ich muss gestehen, dass ich auch kurzzeitig keine Sprossen mehr gegessen habe, nachdem diese als Verdächtige im Raum standen. Doch nun bin ich wieder fleißig dabei, diese kleinen Lebensspender zu verspeisen. Bei mir landen die Kleinen in warme wie auch kalte Speisen und ich lebe noch und bin nicht tot :)

    • Sarah Satt August 28, 2012 um 3:53 nachmittags #

      Hallo Heike,
      Lebensmittelskandale wird es immer geben und es werden immer wieder neue geschaffen werden. Wenn man deshalb jedes Mal gleich seine Essgewohnheiten umstellt, dann dürfte man heute ja weder Rindfleisch, noch Gurken, Rohmilch oder Eier essen und auch keinen Wein trinken. Unsere Sprossen lassen wir uns auf jeden Fall weiterhin schmecken ;-)

      Lieber Gruß,
      Sarah

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