Der erste Eindruck kann täuschen. Aber nicht der erste Bissen.

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Bild: © Sarah Krobath

Bauern tragen Karohemden. Eine Sennerin wird erst durch einen Haarzopf, zumindest aber ein Kopftuch zu ebendieser. Und Naturschützer lassen es auch am Kinn gerne unberührt sprießen. Vorurteile in ihrer reinsten Form. Auf das, was uns die Industrie als Sinnbild von „Ursprünglichkeit“ und „Naturverbundenheit“ auftischt, fällt heute doch keiner mehr rein! Solche Stereotypen erkennt man ja sofort! Schwieriger wird’s allerdings, wenn man eine echte Bäuerin oder einen richtigen Produzenten vor sich hat, so wie ich in einem Berggasthof in Kalabrien.

Gold, Silber und vermeintliche Modeschmuck-Diamanten baumeln vor meinem Gesicht hin und her und teleportieren mich quer durch die Zeit auf eine Schmuckmesse, zu der mich meine Mama mit Sechs mitgenommen hat. Ich bin verwirrt. Hab ich den Tagespunkt mit Goldschmieden und Juwelieren auf unserem vollgepackten Programm übersehen? Immerhin bin ich hier auf einer Studienreise mit der Universität der Gastronomischen Wissenschaften, um die kulinarischen und nicht etwa die modischen Eigentümlichkeiten Kalabriens zu erkunden. Mit Schmuck behangen wie ein Christbaum drapieren die feingliedrigen Hände der Dame vor uns den Präsentationstisch. Diese Choreographie performt sie nicht zum ersten Mal, denn jede Bewegung ihrer manikürten Finger passiert wie automatisch. Hypnotisiert von dem Überfluss an Schmuck und dem psychedelischen Muster auf ihrer Seidenbluse vergesse ich beinahe die atemberaubende Umgebung in 1.315 Metern Seehöhe, die den kleinen Gasthof umrahmt. Statt die Bergspitzen mit ihren Schneemützen rings um das grüne Plateau zu bestaunen, wunder ich mich: Was wird das Fräulein wohl gleich aus ihrer klobigen Designer-Tasche zaubern? Eine Flasche Gold-Glitter-Champagner aus Moscato Reben? Die kalabrische Variante von Beluga Kaviar? Womöglich einen schwarzen Edelstein aus einem Klumpen Lakritz geschliffen. Das glitzernde Treiben geht weiter und fördert Infofolder, Flyer, einen großen bunten Keramikteller und ein Bündel Gestrüpp zutage, die den kleinen Holztisch im Speisesaal unter sich begraben. Die schlanke Italienerin wirbelt ihren scharfkantigen schwarzen Bob von einer Seite ihres Gesichts auf die andere und wirft einen letzten skeptischen Blick auf ihre Kreation, bevor sie nach dem Slow Food Presidio Produkt greift, auf das wir alle gespannt warten – Lenticchia di Mormanno.

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Bild: @ Sarah Krobath

Linsen? Schnöde, braune, unscheinbare Hülsenfrüchte? Das bescheidenste aller Lebensmittel? „Fleisch für Arme“, wie es im 19. Jahrhundert genannt wurde? Wie sich herausstellt, ist die Frau, die ich für die PR-Lady einer Luxus-Genussmittel Firma gehalten habe, eine der wenigen Produzenten einer einheimischen, beinahe ausgestorbenen Linsensorte. Miss Fashionista, eine Bäuerin? Dann bin ich Nigella Lawson! Als ob eine Dame wie sie sich ihre Hände schmutzig machen würde. Wie soll man mit Fingernägeln wie die Schwester von Edward Scissorhands Leguminosen von Hand ernten, geschweige denn säen? Noch hingebungsvoller als der Nagelpflege scheint sie sich aber der Erhaltung der Biodiversität zu widmen. Engagiert will sie den fast vergessenen Schatz von seinem auf 900 Metern Seehöhe gelegenen Ursprungsort Mormanno zurück in die Köpfe und Töpfe der Menschen zu bringen. Die junge Frau erzählt uns wie sie und ihr Ehemann es mit einer kleinen Gruppe motivierter Leute geschafft haben, Samen von zwei Produzenten, die diese spezielle Linsensorte noch für den Eigenbedarf kultiviert hatten, zu retten. Diese zu pflanzen sei aber nicht genug gewesen, erst mussten noch längst in Vergessenheit geratene Anbau-Techniken reaktiviert werden. Nachdem ich ihre Geschichte vom Start des Projekts über das ermüdende Antragsverfahren bis zur Ernennung zum Slow Food Presidio verfolgt habe, funkeln meine Augen mit ihren Accessoires um die Wette. Ich bin begeistert, und beschämt. Da hab ich mich ganz schön täuschen lassen. Waren es die Silberkettchen um ihren Hals, von denen ich mich habe blenden lassen? Die Klunker auf ihren zarten Fingern? Oder doch das klischeehafte Bild von der Bäuerin mit Kopftuch und Kleiderschürze?

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Bild: © Sarah Krobath

Verärgert über mich selbst nehme ich an der langen rotkarierten Tafel Platz während die Linsen-Lady ihre Lieblingsrezepte mit uns teilt. In Gedanken presse ich Linsen zu Burgern, backe Kuchen mit Linsenmehl und fülle Pralinen mit einer Creme aus Hülsenfrüchten, bis mich ein dampfender Teller Linsensuppe zurück ins Hier und Jetzt holt. Automatisch greife ich nach meiner Kamera, halte dann aber inne. Ein Foto von diesem beigen Sumpf, auf dem zwei Inseln aus Röstbrot zwischen gelben Olivenöl-Spiralen treiben, würde es wohl nicht aufs Cover von Saveur schaffen, wahrscheinlich nicht mal auf ein experimentelles wie dem von Lucky Peach. Um der Dokumentation Willen mache einen schnellen Schnappschuss und tausche die Kamera gegen einen Silberlöffel. Im nächsten Moment purzeln kleine weiche Perlen über meine Zunge, dann findet die warme Suppe gefolgt von einer kribbelnden Pepperoncini-Schärfe und dem behaglichen Aroma von lange gekochtem Knoblauch den Weg in meinen Bauch. Schon wieder geblendet! Von der unspektakulären Erscheinung dessen, was mir als eines meiner Lieblingsessen während der gesamten Kalabrien-Reise in Erinnerung bleiben wird. Bevor ich meine Augen schließe, um den nächsten Löffel voll auszukosten, beobachte ich aufmerksam die Linsen-Lady wie sie mit dem ihren eine Röstbrot-Insel in ihrer Suppe versenkt. Dann mache ich dasselbe – mit meinem Brot und meinen Vorurteilen.

Hinweis: Inzwischen gelten die Lenticchie di Mormanno nicht mehr als Slow Food Presidio. Für die Etablierung eines Presidio-Projekts sind die Kooperation zwischen den Produzenten und das Einhalten von gemeinsamen Produktionsrichtlinien Vorraussetzung. Im Sommer 2013 wurde bekannt gegeben, dass das Projekt aufgrund von Spannungen innerhalb der Herstellergemeinschaft eingestellt wurde. An einer Wiederbelebung wird gearbeitet.

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