Genießen g’lernt is g’lernt.

sinnestour4Wie isst man eigentlich korrekterweise Sushi? Wie köpft man eine Champagnerflasche mit einem Säbel, ohne dabei Harakiri zu begehen? Und wie – ich frage mich eher weshalb – kocht man Lachs in der Spülmaschine? Nicht verzagen, Google fragen. Oder, um noch eine verhunzte Redewendung nachzulegen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans im Internet. Auf Youtube gibt es inzwischen fast genauso viele Anleitungen für Food Styling wie Hair Styling Tutorials – vielleicht demnächst ja auch kombiniert („Honig – das glänzende Finish für dein Dessert und Haar”). Einen Klick später wissen wir, wie Honig entsteht, wo der teuerste der Welt herkommt und welche „20 ungewöhnlichen Verwendungsmöglichkeiten“ es dafür gibt. Eine befriedigende Antwort auf die Frage Wie schmeckt Honig? bleibt uns das World Wide Web aber schuldig. Dasselbe gilt für Wonach riecht Hopfen? und Wie fühlt sich Chili auf der Zunge an? Um das herauszufinden, muss man sich schon vom Bildschirm losreißen und sich zur Abwechslung einmal auf die eigenen fünf Sinne, statt auf die hauseigenen 150 MBit pro Sekunde verlassen. Und das lohnt sich: „Genießer sind glücklicher und schlanker, ernähren sich ausgewogener und leben länger“ betonen Bianca Gusenbauer und Elisabeth Buchinger, die beiden Initiatorinnen der Wiener Sinnestour. sinnestour1Auf dem rund dreistündigen Spaziergang (so viel Zeit zum Genießen muss sein!) kann jeder die beiden durch zwei Wiener Bezirke begleiten und dabei die eigenen Sinne schulen. Ja, genau: schulen. Schmecken und riechen können wir nämlich lernen und leider auch verlernen. Nicht nur, dass im Laufe unseres Lebens tausende von Geschmacksknospen auf der Strecke bleiben, unser Geschmack stumpft außerdem ab, wenn wir ihn dauernd nur künstlich aromatisierten Lebensmitteln aussetzen. Statt sie zu trainieren, nehmen wir unsere Sinne aber generell als selbstverständlich hin, schütteln den Kopf über Freaks, die in einem Wein eine ganze Obstabteilung zu erschnuppern behaupten und vertrauen lieber der Beschreibung auf der Käseverpackung – fein-würzig, ja eh.sinnestour3 Wer nichts weiß, muss alle glauben – etwa dass die rotesten Äpfel auch die süßesten sind, dass Strudel etwas ausschließlich Wienerisches sind und dass Pfeffer immer gleich schmeckt. Die Teilnehmer der Wiener Sinnestour wissen es besser – nämlich, dass unsere Assoziationen oft stärker sind als die tatsächliche Korrelation zwischen Farbe und Geschmack, dass Bosnischer Kartoffelstrudel seinem Wiener Verwandten um nichts nachsteht und dass der nelkige Kubebenpfeffer so gar nichts mit dem Zitrus-Aroma der Sichuan-Pfefferkapseln gemein hat. Eine Schnitzel- und Melange-Verkostung suchen Einheimische wie Besucher aus anderen Bundesländern auf der Wiener Sinnestour vergebens, dafür gibt’s Interessantes über die Geschichte der Wiener Märkte zu erfahren und empfehlenswerte Shops wie das Curry me home, ein sympathisches Strudelhaus beim Hannovermarkt oder das gut versteckte Lichtenthaler Bräu zu erkunden. sinnestour6In den 44,- Euro, die eine Tour pro Person kostet, sind neben Mittagessen, Verkostungen und einer Einkaufstasche auch Produktproben für zuhause inkludiert. Wer sich zurück in den eigenen vier Wänden nicht entscheiden kann, was er damit zubereiten soll, der kann sich immer noch im Internet inspirieren lassen. Wie das mit dem anschließenden Genießen geht, weiß er ja bereits.

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