Vegan zu sein bedarf es viel – Geschmack!

© Sarah Krobath
© Sarah Krobath

„Wenn ich hier leben würde, dann würde ich mich wahrscheinlich von Haus aus vegan ernähren“, hab ich zu meiner Sitznachbarin im Kleinbus gesagt, der uns auf unserem Weg über die ecuadorianische Kakaoroute durch paradiesische Landstriche gesäumt von Mango- und Avocadobäumen, Bananen- und Kochbananen-Plantagen und zwischen Pick-ups mit offenen Ladeflächen voller grüner Melonen hindurch schaukelte. Die junge Dame neben mir hat mir darauf wiederholt ihr freundliches aber doch etwas verhaltenes Lächeln geschenkt. Sie hat nämlich nicht verstanden, warum ich für die auf unserer Reise allgegenwärtige essbare Spalier bereit wäre, auf Köstlichkeiten wie Chicken with Rice, Ceviche und  Tres Leches, einen Kuchen mit Vollmilch, ungezuckerter und gezuckerter Kondensmilch, zu verzichten.

Süd- und Lateinamerika waren, was ihren Fruchtreichtum angeht, eben immer schon gelobte Länder. Dasselbe gilt für Indien, Marokko und den Libanon, aber auch viele europäische Länder wie Griechenland, Italien oder Spanien, von denen Katharina Seiser in ihrem neuen Kochbuch mehr als 20 versammelt hat. Dass auch Österreich dazugehört, belegt unter anderem die Tatsache, dass man für die im Buch erwähnten Zutaten nicht auf Reisen gehen muss, sondern sie auch hierzulande ohne große Umwege erstehen kann. Auf der Buchdecke des inzwischen siebten Kochbuchs der Autorin steht erstmals ganz alleine ihr Name – und keine zehn Zentimeter darunter das V-Wort, mit dem Katharina bis zu ihrem veganen Selbstversuch 2014 für die Maxima nicht besonders viel anfangen konnte. Das liegt vor allem daran, dass dort, wo vegan draufsteht, meistens viel hochverarbeitete Zutaten und wenig Geschmack drin sind. Um sich das Leben nicht unnötig schwer zu machen und nicht auf Ersatzprodukte zurückgreifen zu müssen, kam am ersten Abend des Selbstversuchs im Hause Seiser Ribollita auf den Tisch und Katharina Seiser ein Gedanke: „Am besten haben mir Gerichte geschmeckt, die immer schon vegan waren“, schreibt die Autorin im Vorwort von „Immer schon vegan“.

© Sarah Krobath
© Sarah Krobath

Altbewährte Antworten auf einen neuen Trend

Das Versprechen der über 70 internationalen, seit jeher rein pflanzlichen Rezepte von der Vorspeise bis zum Nachtisch lautet „Echter Geschmack ohne Ersatzprodukte“. Wie dieser in unser Essen kommt, wird im einleitenden Kapitel erklärt. In 11 Portraits erfährt der Hobbykoch, von den „guten diplomatischen Beziehungen“, die Schärfe mit Süße und Fett unterhält und unter welchen Voraussetzungen sich mit Bitter, der „geheimnisvollen Diva unter den Geschmacksrichtungen“, angeregte Abende verbringen lassen. Auch dem Wechselspiel von knusprig und weich ist eine eigene Seite gewidmet, die Lust darauf macht, es mit geröstetem Brot und Nüssen ordentlich krachen zu lassen.

Für jeden, bei dem bereits die erfolgreiche Österreich/Deutschland/Italien Vegetarisch Reihe von Katharina griffbereit in Herdnähe steht, hat das Jahr schon ganz selbstverständlich 5 Jahreszeiten. Und auch in „Immer schon vegan“ haben sich die Rezepte der bewährten „Seisernalität“ zu unterwerfen, wie Verleger Niki Brandstädter die vier Saisonen plus der Kategorie „Jederzeit“ inzwischen nennt.

Meine erste in Ecuador gesichtete Ananasstaude © Sarah Krobath
Meine erste in Ecuador gesichtete Ananasstaude © Sarah Krobath

Ich weiß nicht, ob es an der Vorfreude auf den Frühling liegt, dem frischen Grün und Gelb, in dem Miriam Strobach das Buch gestaltet hat, oder an der Sehnsucht, die ich seit meiner ersten Begegnung mit einem Avocadobaum und eine Ananasstaude während der Reise im November verspüre, jedenfalls bin ich mit dem grünen Lesebändchen gleich beim ersten Rezept hängen geblieben. Der Ananas-Avocado-Salat aus Kuba hätte bestimmt auch meiner ecuadorianischen Sitznachbarin geschmeckt.

Mit „Immer schon vegan“ holt man sich nicht nur Geschmäcker aus der ganzen Welt, sondern außerdem Katharina Seiser höchst persönlich in die Küche, die einem beim Kochen Geschichten zu den einzelnen Gerichten erzählt, mit hilfreichen Tipps zur Seite steht und kreative Alternativ-Vorschläge macht, wenn eine benötigte Zutat mal nicht vorrätig ist.

Für meinen nächsten Steirischen Käferbohnensalat werde ich ab sofort übrigens Ingwer auf die Einkaufliste schreiben. In den unaufdringlich am Seitenende angeordneten Ratschlägen, erfährt man, ob ein Gericht lieber lauwarm oder ausgekühlt gegessen werden sollte und ob damit, wie beim Blütensirup für die Nusstaschen aus dem Nahen Osten, auch nach ein paar Übernachtungen im Kühlschrank noch Freude aufkommt.

Das "Immer schon vegan"-Team © Sarah Krobath
Das “Immer schon vegan”-Team © Sarah Krobath

In Zusammenarbeit mit Ja! Natürlich ist ein Saisonkalender entstanden, der die aufgedruckte Frage „Gibt es ein veganes Abwechslungsreich?“ auf einen Blick beantwortet. Der eingekreiste Haken in der oberen Ecke verrät, dass sämtliche Gerichte auch ohne große Übung gelingen und das Uhrensymbol bedeutet nicht etwa, dass es höchste Zeit ist, ein bestimmtes Gericht nachzukochen (das gilt nämlich sowieso für alle!), sondern dass dieses in ca. einer halben Stunde auf dem Tisch steht. Dafür, dass es dort besonders schön zur Geltung kommt, haben neben Setstylistin Gabi Weiss auch Romana Widder-Lunzer und Marianne Seiz mit ihren Keramiktellern und -schalen gesorgt, von denen manche sogar eigens für das Kochbuch angefertigt worden sind. Ganz oben auf der Dankesseite, die wie Katharina sagt, als allererste entstanden ist, steht aber ihr Mann, Web- und Sängermeister Horst Lamnek, der von Anfang an von ihrem Buchprojekt überzeugt gewesen sei und jedes (!) Gericht mindestens einmal nachgekocht habe. Für gute vegane Küche bedarf es im Grunde also derselben Ingredienzien wie für gute Küche generell: qualitativ und geschmacklich gute Zutaten, gute Ideen und gute Gesellschaft.

Saisonkalender mit veganem Ja! Natürlich-Schweinderl © Sarah Krobath
Saisonkalender mit veganem Ja! Natürlich- Schweinderl © Sarah Krobath

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