Dinner for Phone

#AntiLonelinessRamenBowl von MisoSoupDesing
#AntiLonelinessRamenBowl von MisoSoupDesing

Unter denen ohne freie Hand ist der Einhändige König, oder so. Und seien wir mal ehrlich, mehr als eine Hand hat heutzutage kaum noch jemand zum Essen frei. Während wir als Kinder Apfelfischen und Tortenwettessen mit den Händen am Rücken gespielt haben, steht die Jugend von heute vor ganz neuen Herausforderungen: Wie esse ich am besten mein Jausenweckerl, während ich mit der einen Hand am Handy ein Video auf Snapchat stelle und mit der anderen Candy Crush am ipad meines Sitznachbarn spiele? Am besten gleich mal auf YouTube nach einem Tutorial suchen! Künftig werden Imbisse und Snacks womöglich ganz bewusst „phoneproof“ entwickelt werden. Gut möglich auch, dass wir zu fettigem Essen demnächst fürsorglich zwei Erfrischungstücher gereicht bekommen ­– eines für die Hände und eines für das verschmierte Handydisplay. Die Restaurant-Auswahl wird ohnehin längst nach der Devise „Wenn die kan Empfang ham, gemma wieder ham!“ getroffen.

Weil der Griff zum Handy ansteckender ist als Gähnen und gleichzeitig wesentlich weniger von Empathie geprägt als das kollektive Zähneblecken, hat sich in Amerika die spielerische Antwort auf das unhöfliche und absolut asoziale Handygetue bei Tisch etabliert: Handystacking. Alle Handys werden in der Tischmitte aufeinandergestapelt und wer während dem Essen zuerst zu seinem Smartphone greift, der zahlt die Rechnung.

BBDO, die Werbeagentur von KFC Malysia, war so clever, eine eigene Phone Stack App zu entwickeln, über die Menschen ihre Handys während der gemeinsamen Mahlzeit miteinander verbinden und einen Countdown aktivieren konnte. Je länger der Handystapel unberührt blieb, umso mehr gratis Fast Food wartete als Belohnung. Ob die Aktion tatsächlich zu mehr “sinnstiftenden Konversationen und Beziehungen” in den KFC-Filialen beigetragen hat, wage ich zu bezweifeln. Die Kampagne brachte ihnen jedenfalls sämtliche Mobile Advertising Awards ein.

BBDO and Proximity Malaysia für KFC
BBDO and Proximity Malaysia für KFC

Man stelle sich Handystacking noch vor ein paar Jahren vor – die damaligen Schränke von Nokia und LG hätten nicht nur einen Großteil des Tisches vereinnahmt, sondern das Stapeln zu einer Art Jenga für Fortgeschrittene gemacht, wodurch die Handys wohl mehr im Mittelpunkt gestanden wären als mit ihren frühen Funktionen, dem Telefonieren und SMS-Versenden.

Die wunderbare Arianna Huffington schlägt in ihrem Buch „Thrive“ (absolute Leseempfehlung!) vor, Handys wie Mäntel einfach an der Garderobe abzugeben.

“Perhaps smartphones at a party should be treated like coats, usually taken to a back room or otherwise stowed away until guests are ready to leave – a signal, like taking off your coat, that you’re happy to be here and you’re going to stay awhile.” Arianna Huffington

Wenn die lästigen Dinger schon mit an den Tisch dürfen, sollen sie sich zumindest etwas besser in die Speisenfolge integrieren, finde ich. Gibt’s noch kein Plug-in Gadget à la Spork (Spoon + Fork), das ein Handy im Nu zum „iPhork“ oder phonetisch umso schöneren „Phoon“ macht? Vielleicht richten kreative Gastronomen, die ihre Teller längst durch Fliesen, Dielen, Ziegel und allerhand bizarre Untergründe ersetzt haben, in naher Zukunft feinziselierte Kunstwerke auf Mobiltelefonen an. Auf diese Weise würde die Beleuchtung von unten ebenso wie die entsprechende Beschallung praktischerweise gleich mitgeliefert.

iMeshi iPhone Cover via strapya-world.com
iMeshi iPhone Cover via strapya-world.com

Aber warum sich überhaupt noch in ein Restaurant oder an den Esstisch begeben, wenn es inzwischen doch innovative Drinks wie Soylent 2.0 gibt, die sich freihändig mit Strohhalm zu sich nehmen lassen, sodass die Augen weiter am Handyscreen oder Laptop-Monitor kleben bleiben und die Finger ohne Pause mit ihrem Riverdance über die Tastatur fortfahren können? Da hilft nur Prioritäten setzen – so wie die junge Dame, die ich letztens in der Mittagspause beobachten durfte: Nachdem sie gute zehn Minuten damit verbracht hatte, ihr Essen von allen Seiten zu fotografieren, klingelte ungünstiger Weise die plötzlich wieder telefongewordene 8-Megapixel-Kamera in ihrer Hand. Ihre Reaktion nachdem sie sich vom Schreck erholt hatte: „Kann ich dich später zurückrufen? Ich bin gerade beim Essen.“

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