Schlürfst du noch oder kaust du schon?

Bild: BB Talk, Smiley Miley Inc
Bild: BB Talk, Smiley Miley Inc

„Will it blend?“, lautet die nervenaufreibende Frage, die der schutzbebrillte Blendtec Gründer Tom Dickson zu Beginn jedes seiner Videos stellt, bevor er für sein berühmtes „Cochicken“ ein ganzes Huhn mit dem Inhalt einer Dose Cola, Austern samt Schale, eine ungeöffnete Flasche Bier, einen Nike Sneaker oder ein nagelneues iPhone in den Blender steckt und binnen Sekunden auf Knopfdruck zu einer meist grauen Masse schreddert. Was die virale Kampagne seit 2006 überspitzt darstellt, ist inzwischen längst nicht nur im Blendtec-Studio Alltag. Mixen ist breitentauglicher Hochleistungssport. Kaum ein Haushalt, der ohne Hochleistungsblender auskommt oder sich diesen nicht zumindest sehnlichst wünscht. Böse Zungen behaupten, manche Ehen werden nur geschlossen, damit die Angehörigen endlich mit einem unverschämt teuren Vitamix Pro rausrücken. Der Rest begnügt sich mit dem wiederentdeckten „Zauberstab der Hausfrau“ aus den 50ern, püriert sich mit rührendem Enthusiasmus durchs Obst- und Gemüseregal und macht auch vor Klassikern wie Saftschnitzel mit Reis und Pasta Asciutta nicht halt. (Was Hipp kann, kann ich schon lang!) Wie praktisch, wenn Mama, Papa und Baby dasselbe Leibgericht haben. Einige Promis schwören auf die Babybrei-Diät und löffeln lieber bis zu 10 Babykostgläschen am Tag, statt sich einfach mit ganz normalen Lebensmitteln gesund zu ernähren.

Mit dem Aufkommen der Smoothiebowl hat der pürierte Obstgatsch sein Image als Zwischendurchdrink restlos abgelegt und ist zur legitimen Mahlzeit avanciert. Wenn man’s löffeln kann, gilt es als Essen. Als hätten sie an den Spätfolgen von Grimms “Hänsel und Gretel” zu knabbern, werden kaugummikauende Teenager zu breilöffelnden Greisen, die statt dem Knusper-knusper-knäuschen-Lebkuchen lieber einen Gingerbread Shake schlürfen. Juicing und Souping machen sämtliche seit der Steinzeit gebräuchliche Tischwerkzeuge überflüssig und schicken unsere Kiefermuskeln in den verfrühten Ruhestand. Dass unter so einer Kau-Abstinenz vor allem der Genuss leidet, weiß jeder, der schon einmal nach einer Weisheitszahn-OP gezwungenermaßen ins Breistadium zurückversetzt wurde. Schon nach wenigen Tagen übt Brot mit einer ordentlichen Kruste eine ähnliche Anziehung auf einen aus wie nach einer No-Carb-Diät und der gesamte Verdauungsapparat sendet dem Gehirn im Rhythmus des Millenium-Ohrwurms von Das Bo das SOS-Signal „Wir brauchen Biss Biss – was geht’n Alter?“ Das hat man inzwischen auch im Silicon Valley zur Kenntnis genommen und ergänzend zum unerreicht genussfeindlichen all-in-one Nahrungsersatz-Drink auch einen Riegel entwickelt. Kaum am Markt bereitete der Kunden allerdings derartige Verdauungsprobleme, dass seine Produktion inzwischen gestoppt wurde.

Auch Kochbuchautorin Katharina Seiser ist eine große Liebhaberin knusprigen Essens. „Schon das Wort ist verheißungsvoll, es knirscht und knackt und kracht. Etwas zu Beißen zu haben, ist für mich immer positiv besetzt“, schreibt sie in ihrem Kochbuch „Immer schon vegan“ und empfiehlt darin, Speisen mit wenig Biss um eine knackige Dimension zu bereichern. Nicht weil die Verdauung im Mund beginnt, beim Zerkleinern die ganzen Ballaststoffe flöten gehen und beim Kauen Energie verbrannt wird, sondern einfach weil Geruch und Geschmack durch die knusprig, knackige Konsistenz regelrecht bereichert werden.

Wenn schon eine Smoothie-Bowl, dann bitte mit reichlich Nüssen, Granola und ganzen Obststücken getoppt. Das Gegenteil von (Kau-)Faulheit ist bekanntlich Fleiß. Fleißige Kauer setzen darauf, jeden Bissen bis zu 50mal mit ihren Zähnen zu bearbeiten und sprechen dabei von sportlichem „Kaujogging“ oder „Kautraining“. Für Letzteres empfiehlt Dr. F.X. Mayr (der Mann hinter der gleichnamigen Ernährungstherapie) die zwei bis vier Tage alte trockene Kursemmel in Kombi mit Milch als optimales Trainingsgerät – endlich mal eines, das nicht nutzlos in der Ecke rumsteht und verstaubt. Den Begriff „Schmauen“ (Schmecken und Kauen) hat sich sein Kollege, der deutsche Schauspieler Jürgen Schilling längst als Marke eintragen lassen und bietet sogar regelmäßig ausgebuchte Intensivseminare an, in denen die Teilnehmer diese „(r)evolutionäre Ess- und Trinktechnik“ erlernen können –„Gaumen-Stretching“ und „Geschmacks-Trance“ inklusive. An der Generation Smoothie werden sich seine Anhänger wahrscheinlich die gut trainierten Zähne ausbeißen, es könnte aber gut sein, dass die Nagelkauer unter diesen beim nächsten Trend anbeißen – essbarer Nagellack aus Bio-Gemüse.

 

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