Wer reserviert, verliert.

Fish and Chips im Reisinger's © Sarah Krobath
Fish and Chips im Reisinger’s

Das Lokal ist so leer wie unsere Bäuche. Dafür sei das Reservierungsbuch für die ganze Vorweihnachtszeit komplett voll, erklärt uns der freundliche Herr am Empfang. „Was sind denn das für Leute, die tatsächlich noch reservieren?“, ärgere ich mich. Und das auch noch auf leeren Magen. Im Zeitalter von Pop-up Restaurants und Concept Cafés, bei denen Reservierungen denselben Status genießen wie Empfangsmitarbeiter und Dresscodes – sie existieren schlichtweg nicht – habe ich mich daran gewöhnt, Lokale einfach auf gut Glück aufzusuchen. Zum After-Work-Drink und Abendessen unter der Woche ebenso wie zum Jahrestags-Dinner und Geburtstags-Kaffeekränzchen. Außerdem liebe ich die Ungezwungenheit und den Nervenkitzel, wenn sich das reisinger’s in die fisherei verwandelt und die „Reserviert“-Zettelchen Hausverbot bekommen. Wird noch ein Tisch frei sein, wenn ich komme? Wird das Abendessen an die Bar verlegt? Wird noch ein Knusperfisch übrig sein? Mit reservierten Tischen kann ich jedenfalls genauso wenig anfangen wie mit ebensolchen Personen. In diesem Sinne: „No reservations, thanks!“

Im Slow Tacos, vormals Big Smoke, gilt "First come, first serve". © Sarah Krobath
Im Slow Tacos, vormals Big Smoke, gilt “First come, first serve”. © Sarah Krobath

10 gute Gründe, warum du NICHT reservieren solltest:

  1. Spontan vs. Speiseplan: Ich finde ja, die Restaurantwahl sollte sich vor allem nach dem richten, worauf du gerade Lust hast. Wer will schon den besten Pad Thai der Stadt essen, wenn der gerade Lust auf ein ordentliches Steak oder eine neapolitanische Pizza hat?
  1. Freie Platzwahl: Das Klingen der Gläser wird vom Trockner-Gebläse von der Toilette übertönt und nach dem zweiten eintreffenden Paar hat sich dein Tomatensüppchen in eine Gazpacho verwandelt? Wer weiß, welchen Platz der Service diesmal für dich reserviert hat. Besser, du wählst deinen Tisch selbst aus!
  1. Spannung als Entree: Wo bleibt denn da der Nervenkitzel, wenn du heute schon weißt, wo du in 6 Wochen um Punkt 20 Uhr zu Abend essen wirst? Termine sind was für Zahnarztkontrollen und Hochsteckfrisuren, nicht für die schönste Hauptsache der Welt!
  1. Hohe Erwartungen kommen vor dem Fall: Gut, Vorfreude mag die schönste Freude sein. Wer allerdings bereits einen Monat im Voraus reserviert, der hat auch volle 30 Tage Zeit, um seine Erwartungen in das Unerfüllbare zu steigern.
Sehenswert: Blick von der Bar aus in der R&Bar © Sarah Krobath
Sehenswert: Blick von der Bar aus in der R&Bar
  1. Zeit für eine Lokalrunde: Ein Lokal ist mehr als die Summe seiner Tische. Da wäre zum Beispiel noch die Bar. Für einen Abstecher dorthin bleibt freilich keine Zeit, wenn du schnurstracks zu deinem reservierten, fix fertig eingedeckten Tisch geleitet wirst.
  1. Ab in die Verlängerung: Von dir aus könnte der schöne Abend ewig dauern? Da kommt die kurze Wartezeit, die ihr mit einem Aperitif an der Bar überbrückt, gerade recht. Sonst ist das Essen ja ruckzuck vorbei und deine Begleitung und du seid schneller wieder auf dem Heimweg als das Personal an Garderobe eure Mäntel findet.
  1. Mit freien Tischen Geld sparen: Das Einzige, was schlimmer ist als Reservierer, sind Reservierer, die extrem kurzfristig oder gar nicht absagen. Mit Services wie Delinski schnappst du dir einen freigebliebenen Tisch, hilfst den Gastronomen aus der Patsche und sparst dabei gutes Geld.
  1. Wenn mal wer oder was dazwischenkommt: Ob du dich mit der besten Freundin festquatscht, zu sehr damit beschäftigt bist, in den Augen deines Schwarms zu versinken, oder gerade das Staffelfinale deiner Lieblingsserie läuft – mit der tickenden Uhr im Hinterkopf, weil um Punkt Acht doch der Tisch wartet, macht alles nur halb so viel Spaß. Irgendwas kann schließlich immer dazwischenkommen, was uns zum nächsten Punkt bringt.
  1. Je mehr umso besser: Deine Schwester kommt überraschend zu Besuch, die WG-Kollegen schließen sich euch an und in der Straßenbahn kommst du zufällig mit einem hungrigen Christoph Waltz ins Gespräch. Wäre doch zu schade, wenn du jetzt sagen müsstest „Sorry, wir haben nur einen Tisch für zwei reserviert“, oder?
  1. Eine gute Tat: Du bewahrst Menschen mit akuter Reservierungs-Aversion wie mich vor unnötigen Magenkrämpfen und verzweifelten Odysseen durch die städtische Gastronomie.

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