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Herbert, iss das!

29 Okt

Bild: © Marc Johns

Letztens in der U-Bahn sitzt mir eine Frau mit zwei Mädchen im Volksschulalter gegenüber. Die beiden haben jeweils einen Lutscher im Mund, der rastlos von einer Wange in die andere wandert. „Nach was schmeckt deiner?“, will die eine wissen, woraufhin ihr die andere generös ihren Lutscher entgegenstreckt. In diesem Moment schreitet die Mutter empört ein: „Nein! Wie grauslich – den hat sie ja schon im Mund gehabt!“. Da fährt die gute Frau mit den Kleinen zur Grippesaison mit der U-Bahn, stopft ihnen die Mäuler mit kariesfördernden Zuckerbällen und kriegt die Krise, wenn ihr Kind einmal über den Lutscher seiner besten Freundin schlecken will. Würde mich nicht wundern, wenn sich in ihrem keimfreien Badezimmer auch der Seifenspender mit Bewegungsmelder aus der Werbung findet, mit dem man seinem Kind in Nullkommanichts das natürliche Immunsystem aberziehen kann. Sauerkraut, Käse und Tofu hingegen dürften bei dieser Familie Hausverbot haben. Der triste Anblick ihres Kühlschranks wird wohl nur noch durch jenen ihres inhaltslosen Weinkellers getoppt. Neben Pilzen und Enzymen sind es schließlich in erster Linie Bakterien, die besagte Lebensmittel zu dem Genuss machen, der sie sind. Sie wandeln Zucker in Milchsäure um und machen damit Gemüse wie Sauerkraut länger haltbar, was früher besonders wichtig war, weil man es so für den Winter konservieren konnte. Am Froihof in den steirischen Fischbacher Alpen wird Kraut übrigens noch heute mehrere Monate traditionell in der Krautgrube eingelagert und zu Grubenkraut vergoren.

Bild 1: © Froihof, Bild 2: © Sarah Krobath

Bakterien verleihen den unterschiedlichsten Sorten von Käse ihren charakteristischen Geschmack, machen Sauerteigbrot so locker und aromatisch, Milchprodukte leichter verdaulich und die Herstellung von Wein und Bier überhaupt erst möglich. Ohne Bakterien könnten wir beim Japaner keine Misosuppe aus vergorenen Sojabohnen löffeln und beim Italiener keine Salamipizza schmausen. Sie machen Lebensmittel leichter verdaulich und schützen unseren Körper vor Krankheitserregern, vor allem aber sorgen sie für einen unvergleichlichen Geschmack. Das Zauberwort lautet Fermentation. Sandor Katz hat diesem Prozess mit „The Art of Fermentation“ ein ganzes Buch gewidmet, Michael Pollan das Vorwort dazu geschrieben. Sein eigenes Sauerkraut herzustellen sei, so Pollan, “nichts anderes, als sich mit der Welt zu befassen, oder viel mehr mit mehreren verschiedenen Welten, jede in einer anderen verschachtelt: die unsichtbare Welt von Pilzen und Bakterien; die Gemeinschaft, in der du lebst; und das industrielle Lebensmittelsystem, das die Gesundheit unserer Körper und jene von Grund und Boden unterminiert.” Dafür, dass wir selbst zu etwa zwei Kilo aus Bakterien bestehen, haben wir Menschen ganz schön viel Angst vor ihnen. Auf der einen Seite lassen wir uns den probiotischen Joghurtdrink eines multinationalen Konzerns als Zaubertrank verkaufen, auf der anderen betteln wir beim kleinsten Kratzen im Hals um Antibiotika, die mit den gefährlichen wie auch den „guten“ Bakterien in unserem Körper kurzen Prozess machen. Sollte es heutzutage nicht eigentlich genügen, prophylaktisch ein paarmal die Woche das Sonderangebot von der Fleischtheke im Supermarkt zu verzehren? Immerhin werden 50 % der in Europa verschriebenen Antibiotika an Tiere verfüttert, laut Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) werden davon in Österreich in der Veterinärmedizin 60 Tonnen jährlich verkauft. Nicht nur, dass diese Medikamente dafür sorgen, dass Masttiere selbst die verheerendsten Haltungsbedingungen überleben, um immer schneller zu wachsen, sie fördern obendrein die Verbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien. Da hat der hypochondrische Herbert aus der Fernsehwerbung was, wovor er sich wirklich fürchten kann. Wie man sieht, darf man nicht alle Bakterien in einen Topf werfen. Was Milchsäurebakterien, Hefen und Edelschimmelpilze betrifft, bleibt jedenfalls nur zu sagen: Herbert, iss das!

Eine Pralinenschachtel, wie das Leben sein sollte.

18 Okt

Bild: © Sarah Krobath

Forrest Gump vergleicht das Leben mit einer Schachtel Pralinen. Weil man, ihm zufolge, nie weiß, was man bekommt. Naja, ginge es nach den Bonbonieren, die unsereins in Kindertagen von der Anni Tant, der Mitzi Tant oder sonst einer wangenkneifenden Großtante zugesteckt bekommen hat, wäre das Leben zwar picksüß aber sonst eher fad. Statt dem Biss in die wahrscheinlich kleinsten Kalorienbomben der Welt war der Moment der größten Ungewissheit bei diesen Geschenken immer der Blick aufs Ablaufdatum. Nougat. Marzipan. Amaretto. Was soll sonst schon großartig drinnen sein in so einem standardisierten Schokoladewürfel? Eventuell noch Krokant oder Kaffee. Sobald man erst einmal durchschaut hat, dass die dunkelsten Stücke meist die mit Marzipan sind, jene mit Mokkabohnenhütchen den Bauch voll Kaffeecreme haben und die im Goldpapierl mit Nougat gefüllt sind, hält sich die Überraschung bei industriell gefertigten Pralinen in Grenzen.

Bild: © Sarah Krobath

Das handgefertigte Konfekt mit weißem Papierkrägelchen am Tisch sieht zum Anbeißen aus. Eine Praline hat sich als Cupcake verkleidet, eine andere spielt mit funkelnden kleinen Kristallen Prinzessin. Keine Mokkabohne, kein Goldpapierl, sondern die neue Kollektion von Sandras süße Konfektion. Die ist allerdings erst als krönender Abschluss des Abends gedacht, an dem sich sieben Testesser in der Kochwerkstatt der NU Chefs eingefunden haben. „Erst die Pflicht, dann das Vergnügen“ soll mir in diesem Fall ganz recht sein, besteht die Pflicht doch darin, neue Kreationen, die sich noch in der Testphase befinden, zu bewerten. „Mein Ansatz ist es, mit dem zu arbeiten, was es jetzt gerade gibt“, leitet Sandra, die eigentlich Alexandra Kopp heißt, auf die ersten Versuchspralinchen über: Weiße Schokolade gefüllt mit weißem Ribiselgelee und Kuvertüre mit unterschiedlichem Kakaogehalt mit einer Fülle aus Schwarzen Ribiseln und Balsamico. Der dunklen 49-prozentigen Schokolade gelingt es, dem fruchtigen Ribiselgelee einen völlig anderen Geschmack zu entlocken, als der 38-prozentigen Milchschokolade. Die mit 65 Prozent, klärt uns Sandra auf, ist besonders anspruchsvoll und will sich ihre Zutaten wirklich aussuchen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten tüftelt die Bildungswissenschaftlerin an immer neuen unvermuteten Kombinationen, die sie unter anderem für Anlässe und Personen maßfertigt. Biozertifiziert sind ihre Pralinen ob des großen bürokratischen Aufwandes und den damit verbundenen Kosten nicht, dass dafür nur die besten Zutaten verwendet werden, ist für Sandra aber selbstverständlich. Bei den Kuvertüren handelt es sich um Schweizer Schokolade von Max Fechlin und dem französischen Produzenten Valrhona, die beide fair gehandelten Criollo-Kakao aus eigenen Plantagen in Mittel- und Südamerika verarbeiten. Das herrliche Marzipan, das wir pur verkosten dürfen, kommt aus der Provence und bringt uns mit einem Mandelanteil von 70 Prozent ins Schwärmen. Fast so sehr wie das Gianduia Nougat, dass anschließend die Runde macht.

Bild: © Sarah Krobath

Was sich wohl unter der glänzenden dunkelbraunen Hülle aus dunkler Kuvertüre verbirgt, die mich von einem Porzellanteller aus anlacht? „Powidltascherl!“ entfährt es einigen nach dem ersten Bissen entzückt, „wie Weihnachten“, beschreiben andere den Geschmack der Zwetschken-Marzipan-Ganache mit Gewürzen. Nach den fruchtigen Varianten steht als nächstes ein Experiment für eingefleischte Schokoexoten – oder geborene Texaner – auf unserem Bewertungsbogen: Pralinen gefüllt mit karamellisierten Nüssen und getrocknetem Porc Noire de Bigorre Speck. Zunächst schmecke ich nur Milchschokolade, dann setzt sich plötzlich eine rauchige Note durch – eindeutig Speck, ganz unverfälscht. Meine Geschmacksnerven sind sich einig, Cashewkerne harmonieren mit dem salzigen Speck am besten. Das ist Sandra bei ihren Kreationen besonders wichtig. Die Aromen sollen nicht nebeneinander stehen, sondern sich zu einem Geschmackserlebnis verbinden. Nur die Pralinen, bei denen das am besten gelingt, bekommen einen Platz in ihrer neuen Kollektion. Bei Sorten wie „Orange und Olivenöl“, „Bergamotte und Tasmanischer Pfeffer“, „Kürbis und Ingwer“ und dem Steirischen Dream-Team „Käferbohne und Kürbiskernöl“ muss ich sagen: Wenn mein Leben schon wie eine Pralinenschachtel sein muss, dann bitte wie eine von Sandras süßer Konfektion.

Bild: © Sarah Krobath

Sandras Pralinen könnt ihr bei SchokovSimon und Jakober und Kaas am Markt kaufen, im Online-Shop bestellen oder bei einem Pralinenworkshop selbst anfertigen.

Tipp: Handgemachte Pralinen mit Obers halten sich maximal 2 Wochen, Pralinen ohne Obers sechs bis acht Wochen. Am besten bei rund 17 Grad aufbewahren, nicht in den Kühlschrank stellen. Bei zu niedrigen Temperaturen löst sich der Zucker aus der Kuvertüre und kristallisiert, bei Hitze tritt Kakaofett aus.

Wir sitzen alle am selben Tisch.

7 Okt

Bild: © Sarah Krobath

Beim gemeinschaftlichen Mümmeln der miteinander getauschten Schuljause am Pausenhof entstehen Freundschaften fürs Leben. Bei einem guten Geschäftsessens reichen sich Businesspartner nicht nur Pfeffermühle und Wasserkaraffe, sondern auch unterzeichnete Verträge. Und auch dem Großteil aller Bünde fürs Leben geht ein Heiratsantrag bei einem romantischen Dinner voran. Wenn sich Menschen an einem Tisch zum gemeinsamen Essen einfinden, passieren die wunderbarsten Dinge. Dass auch in der Gemeinsamen Agrarpolitik Europas etwas passieren muss, da sind sich die Mitglieder des Slow Food Youth Networks Wien einig. Sie baten am 6. Oktober Produzenten und Konsumenten an einen Tisch, um Bewusstsein für die Herkunft und Herstellung unserer Lebensmittel zu schaffen und über die Reform der GAP zu diskutieren.

Bild: © Sarah Krobath

Einer aktuellen Erhebung zufolge, hat die Beschäftigung im Agrarsektor in Europa innerhalb der letzten 10 Jahre um 25 % abgenommen. Mit nur noch 7 % Landwirte im Alter von unter 35 Jahren dürfte sich der Jungbauernkalender – ähnlich wie viele ehemals weit verbreitete Obst- und Gemüsesorten – bald zu einer Rarität entwickeln. In Zukunft flimmern dann statt „Bauer sucht Frau“ vielleicht Castingshows à la „Bauern von Morgen“ über unsere Bildschirme. Irgendwann werden dann auch am Markt keine Kartoffeln oder Radieschen mehr ohne Strichcode zu finden sein und unsere Lebensmittel vom Großproduzenten bis zu unserem Teller mehr Kilometer zurücklegen als mancher von uns in seinem ganzen Leben. Klingt nach einem Leichenschmaus in Gedenken an unser Landwirtschaftssystem?

Bild: © Sarah Krobath

Wer am vergangenen Samstag bei diesem Fest für nachhaltige und faire Esskultur dabei war, weiß es besser. Von langen Gesichtern und schockierenden Zukunftsprognosen war an der Tafel keine Spur, stattdessen war der Platz vorm Wiener Museumsquartier den ganzen Nachmittag erfüllt von angeregten Gesprächen und dem Duft von ebenso köstlichem wie nachhaltigem Essen. Gekocht wurde mit Obst und Gemüse vom Biohof Adamah, Einkorn und Waldstaudekorn von Allram, Brot von Joseph und toskanischem Bio-Olivenöl von Casa Caria, getrunken Wiener Wasser und Wein vom Weingut Obermann. Schneckenzüchter Andreas Gugumuck plädierte mit einem Ragout von seiner Wiener Schnecke dafür, dass wieder mehr Weinbergschnecken gegessen werden sollten, und Martin Allram plauderte mit interessierten Passanten über seine Sicht der Dinge als Demeter-Bauer. Die Töpfe und Pfannen waren nach knapp drei Stunden leer, die Gesprächsthemen hingegen hätten noch bis in die Nacht gereicht. Vielleicht sollte sich auch die EU-Agrarkommission öfter einmal mit jungen Menschen, Konsumenten und Produzenten an einen Tisch setzen – dort passieren nämlich die wunderbarsten Dinge.

Bild: © Sarah Krobath

Eine Einkaufsliste mit Produzenteninformationen gibt’s hier, die Rezepte zum Eat-in in Kürze ebenfalls auf www.sfynwien.at.

Sagen Sie niemals “Stilton” zu ihm.

25 Sep

Bild: © Sarah Krobath

Stichelton – ein Blauschimmelkäse mit alter Tradition wird neu erfunden. Sowohl optisch als auch geschmacklich unterscheiden sich die beiden Käse auf dem Foto kaum. Beide stammen aus der Region Nottinghampshire in England und lassen mit ihrem vollmundigen Geschmack und der buttrigen Textur das Herz eines jeden Blauschimmelkäse-Liebhabers höher schlagen. Der eine ist seit dem 18. Jahrhundert als Stilton bekannt, der andere hat erst vor knapp fünf Jahren in der Käserei von Joe Schneider das Licht der Käsewelt erblickt und trägt den Namen Stichelton. Der feine Unterschied liegt in der pasteurisierten bzw. unbehandelten Milch, die bei der Herstellung zum Einsatz kommt. Zu behaupten, bei Stichelton handle es sich einfach um einen aus Rohmilch gekästen Stilton, ist nicht nur falsch, sondern schlichtweg verboten. Die Bezeichnung „Stilton“ ist nämlich gesetzlich sowohl an die Region, als auch die Verwendung von pasteurisierter Milch gebunden. Bis 1989 wurde der „King of English cheeses“ traditionell aus Rohmilch hergestellt, ein Lebensmittelskandal, der mit unpasteurisiertem Stilton in Verbindung gebracht wurde, machte dem allerdings ein Ende.

Bild: © Sarah Krobath

Rund zwanzig Jahre später kam Joe Schneider und Neal’s Yard Besitzer Randolph Hodgson bei einem Bier im Pub die Idee, aus unpasteurisierter Bio-Milch einen cremigen Blauschimmel-Käse wie damals herzustellen. Mittlerweile hat sich Stichelton genau wie sein populärer Artgenosse zum Bestseller entwickelt und wurde von Slow Food in die Arche des Geschmacks aufgenommen. Der Grund dafür ist für Martin Tkalez, Retail-Manager der Filiale im Londoner Covent Garden, offensichtlich: “Rohmilch macht einfach den besseren Käse.” Nicht so gut kam die Neuauflage bei den acht Stilton-Erzeugern an, die um ihre Marke fürchteten. Seinen Namen hat Stilton übrigens dem gleichnamigen Dorf im Zentrum Englands zu verdanken, wo der Käse zwar nie produziert, aber dem Engländer Cooper Thornhill vorgesetzt wurde, der ihn anschließend als Erster vermarktete. Aus Manuskripten aus dem 13. Jahrhundert geht der ursprüngliche Name des Dorfes hervor: Stichelton.

Bild: © Sarah Krobath

Für seinen Rohmilchkäse verwendet Joe Schneider Starter-Kulturen und natürlichen Lab in sehr geringen Mengen. Der dadurch besonders fragile Käsebruch wird von Hand in zylindrische Formen geschöpft, niemals gepresst. Hat sich die charakteristische blassgraue Kruste gebildet, werden die zirka 5,75 Kilo schweren Laibe mit langen Nadeln angestochen, damit Luft in die Kanäle eindringen und der Schimmel wachsen kann. Zur Weihnachtszeit stellt der Käsemeister mit seinen Assistenten auf diese Weise bis zu 30 Käse pro Tag her. „Im Winter schmeckt er am besten“, verrät Martin, “weil er im Spätsommer gekäst wird, wenn es das beste Gras gibt.” Egal zu welcher Jahreszeit Sie Stichelton probieren, Hauptsache Sie nennen ihn beim richtigen Namen.

Warum man bei „Österreich“ ab sofort „vegetarisch“ denken wird.

18 Sep

Bild: © Sarah Krobath

Wenn man den Österreichern die „Eitrige“ vom Tatzerl, die Leberknödel aus der Suppe und den Tafelspitz, das Gulasch oder gar das geliebte Wiener Schnitzel vom Teller nimmt, was bleibt dann noch übrig? Ein paar staubtrockene Beilagen? Ein letscherter Häuptelsalat? Oder überhaupt nur eine Reihe von Nachspeisen, die ja bekanntlich keine „richtige Mahlzeit“ sind? Als unsere Nachbarn aus Slowenien uns das Kulturgut Käsekrainer abspenstig machen wollten, war der Aufschrei groß. Was vegetarische Gerichte angeht, hält sich der Patriotismus vergleichsmäßig in Grenzen. Die Verpflegung für einen fleischfreien Freitag scheinen die Österreicher lieber anderen Nationen zu überlassen. Mag sein, dass hierzulande weder die Kuh als heilig, noch Pasta als Religion gilt, verstecken braucht sich unsere fleischlose Traditionsküche aber keineswegs. Der Beweis dafür ist 19 mal 24 Zentimeter groß, in Halbleinen gebunden und trägt den Titel „Österreich vegetarisch“. Von Knödeln und Strudel über Nockerl, Fleckerl und Tascherl bis hin zu Schwammerl – alles was in der Österreichischen Küche Rang und ebenso österreichischen Namen hat, ist im neuen Kochbuch von Katharina Seiser und Meinrad Neunkirchner vertreten. Landestypische Gerichte, die ohne Fleisch und Fisch auskommen, gibt es genügend, „diese schnell und zeitgemäß zu kochen, war eher die Schwierigkeit“, so Koch und „Meister der Aromen“ Meinrad Neunkirchner.

Bild: © Sarah Krobath

Gegessen hat man viele der 150 Gerichte bestimmt schon einmal, möglicherweise auch ein paar davon selbst gekocht, sie alle in einem Kochbuch gesammelt in Händen gehalten, aber garantiert noch nicht. Ob auf Bärlauch, Paradeissauce oder Salbeibutter, die flaumigen Sauerrahmnockerl von Seite 46 lassen einen Gnocchi ganz schnell vergessen. Und auch wenn von dem fein mit Kümmel und Majoran abgeschmeckten pikanten Kartoffelgulasch bereits ein Löffel genügt, damit kein Hahn mehr nach Curry kräht, sollte man unbedingt einen Nachschlag bereithalten. Sowohl Kärntner (Kasnudeln), als auch Steirer (Käferbohnensuppe) und Tiroler (Kaspressknödel) dürften sich auf den 272 optisch wie haptisch delikaten Seiten verstanden fühlen, Großeltern die neu interpretierten Rezepte wiedererkennen und auch ihre Enkel sich zurechtfinden. Neben dem Kompott, „eine unterschätzte Mahlzeit“, wie die Autorin findet, werden auch Süßspeisen wie Zwetschkenfleck und Apfelschlangerln, die man früher bei Oma – oder bei Tante Herta aus dem Traunviertel – vom Blech genascht hat, entstaubt und auf gutem alten Lilienporzellan aufgetischt.

Bild: © Sarah Krobath

Dass man österreichische Gerichte mit österreichischen Zutaten kocht, versteht sich von selbst. Am besten mit jenen, die gerade Saison haben, dann bekommt man nicht nur den besten Geschmack, sondern auch keine Blasen an den Füßen vom Gerenne zu verschiedenen Spezialitätenläden. Weil etwa Eier und Erdäpfel das ganze Jahr über erhältlich sind, hat sich ins Buch „Jederzeit“ als fünfte Jahreszeit hineingeschummelt. Diesen Titel kann man auch ruhig wörtlich nehmen, mir will nämlich beim besten Willen keine Situation einfallen, in der Spinatknödel und Kaiserschmarrn nicht angebracht wären.

Bild: © Sarah Krobath

Neben einleitenden Ratschlägen zur Zutatenwahl und für ein entspanntes Kochen, gibt es zu beinahe jedem Rezept Tipps, Varianten und eine Getränkeempfehlung. Wem das Gratinierte Risi Bisi – so wie es einen vom Foto herunter anlacht, äußerst unwahrscheinlich – zu langweilig erscheint, bei dem sorgt die Variante mit Erbsenpüree für frischen Wind in der Pfanne. Roten Veltliner habe ich für meinen Teil auch noch keinen dazu getrunken. Egal ob man einen Kniff sucht, um Gurken raffinierter abzuschmecken – etwa mit Blütenhonig – oder seinen Gästen aus dem Ausland typisch österreichische Kost ohne anschließendes Koma servieren möchte, beim Blättern im Stichwort- und Rezeptverzeichnis wird man fündig, bei einem Blick auf das beiliegende Saisonplakat vor allem hungrig. Von den ebenso raffinierten wie vertrauten Gerichten über die stets richtigen einleitenden Worte, die Katharina Seiser zu jedem Rezept gefunden hat, bis zum „Küchenösterreichisch“ am Ende des Buches, Österreichische Esskultur pur. Wenn diesem Kochbuch überhaupt etwas fehlt, dann noch mehr Lesebändchen.

Bild: © Sarah Krobath

Mit Piraten ist gut Kaffee trinken.

14 Sep

Bild: © Sarah Krobath

Piraten essen mit den Händen und bechern Unmengen Rum, sie haben Holzbeine und Hakenhände, tragen Augenklappen und sehen im Idealfall aus wie Johnny Depp. Dafür, dass sie besonders viel von Kaffee verstehen sollen, sind sie nicht gerade bekannt. Es sei denn, es handelt sich um die „Coffee Pirates“, die vor kurzem in der Spitalgasse beim Alten AKH vor Anker gegangen sind. Nach vier Monaten Umbau kann man die helle und freundliche Kajüte, durch deren große Fenster man beim Vorbeigehen schon des Öfteren neugierig hineingelugt hat, endlich entern. Die Kaffeepiraten halten es wie mit Papst Johannes Paul II: „Zwei Dinge sind schwer zu bekommen: Ehrlichkeit und eine gute Tasse Kaffee“. Und genau das ist es, was sie ihren Gästen servieren wollen – „ehrlich guten Kaffee“. Neben zukünftig von Zeit zu Zeit wechselnden Kaffeeröstungen – die Basis bildet der PiratesBlend Nr. 3 – sind auch hausgemachte Limonaden, Iced-Teas und Smoothies mit an Bord. Volljährige Piraten können sich sogar einen Smoothie mit Rum hinter die Augenklappe kippen. Trotz seiner überschaubaren Größe bietet das Lokal jede Menge Möglichkeiten, um auf Entdeckungsreise zu gehen. Bildbände und Magazine laden zum Schmökern ein und auf dem Globus im Nebenraum kann man sich direkt sein nächstes Reiseziel aussuchen.

Bild: © Sarah Krobath

Aus der Kombüse kommen frisch getoastete Panini gefüllt mit Strauchtomaten und Mozzarella, Rohschinken und Parmesan oder Humus und Falafel sowie hausgebackene Cheesecakes und Muffins. Im Lot ist hier nicht nur das Speisen- und Getränkeangebot, die Preise sind es ebenfalls.

Bild: © Sarah Krobath

Der größte Schatz steht am Ende des Tresens: Eine Kees van der Westen „Spirit“ Espressomaschine. Die eigene Röstmaschine ist ebenfalls schon auf dem Weg – ein Countdown auf der Website zeigt an, wann sie im Hafen einlaufen wird.

Bild: © Sarah Krobath

Auch für Filterkaffee-Trinker ist bei den Coffee Pirates Land in Sicht. Neben einem Single Origin/Estate Arabica aus Guatemala und Filterkaffees von Johanna Wechselberger kann man sich vor Ort mit Hario-, Aeropress-, Chemex- und Tiamo-Zubehör eindecken. Für den Fall, dass man angesichts der Auswahl oder mangels eigener Kaffeekenntnisse in Seenot gerät, steht einem die sympathische Crew beratend zur Seite und Seemannsgarn bekommt man hier bestimmt keines aufgetischt. Vom ehrlich fantastischen Kaffee über die herzliche Bedienung bis zum Piratenherz auf der Untertasse – ein Coffeeshop mit Potenzial zum Heimathafen.

Bild: © Sarah Krobath

Coffee Pirates: Spitalgasse 17, 1090 Wien, Mo-Fr 8.00-19.00 Uhr, Sa 9.00-15.00 Uhr

Tipp: Bei den Kaffeepiraten anheuern! Ab Oktober werden nämlich noch Baristas gesucht.

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