Warum man bei „Österreich“ ab sofort „vegetarisch“ denken wird.

18 Sep

Bild: © Sarah Krobath

Wenn man den Österreichern die „Eitrige“ vom Tatzerl, die Leberknödel aus der Suppe und den Tafelspitz, das Gulasch oder gar das geliebte Wiener Schnitzel vom Teller nimmt, was bleibt dann noch übrig? Ein paar staubtrockene Beilagen? Ein letscherter Häuptelsalat? Oder überhaupt nur eine Reihe von Nachspeisen, die ja bekanntlich keine „richtige Mahlzeit“ sind? Als unsere Nachbarn aus Slowenien uns das Kulturgut Käsekrainer abspenstig machen wollten, war der Aufschrei groß. Was vegetarische Gerichte angeht, hält sich der Patriotismus vergleichsmäßig in Grenzen. Die Verpflegung für einen fleischfreien Freitag scheinen die Österreicher lieber anderen Nationen zu überlassen. Mag sein, dass hierzulande weder die Kuh als heilig, noch Pasta als Religion gilt, verstecken braucht sich unsere fleischlose Traditionsküche aber keineswegs. Der Beweis dafür ist 19 mal 24 Zentimeter groß, in Halbleinen gebunden und trägt den Titel „Österreich vegetarisch“. Von Knödeln und Strudel über Nockerl, Fleckerl und Tascherl bis hin zu Schwammerl – alles was in der Österreichischen Küche Rang und ebenso österreichischen Namen hat, ist im neuen Kochbuch von Katharina Seiser und Meinrad Neunkirchner vertreten. Landestypische Gerichte, die ohne Fleisch und Fisch auskommen, gibt es genügend, „diese schnell und zeitgemäß zu kochen, war eher die Schwierigkeit“, so Koch und „Meister der Aromen“ Meinrad Neunkirchner.

Bild: © Sarah Krobath

Gegessen hat man viele der 150 Gerichte bestimmt schon einmal, möglicherweise auch ein paar davon selbst gekocht, sie alle in einem Kochbuch gesammelt in Händen gehalten, aber garantiert noch nicht. Ob auf Bärlauch, Paradeissauce oder Salbeibutter, die flaumigen Sauerrahmnockerl von Seite 46 lassen einen Gnocchi ganz schnell vergessen. Und auch wenn von dem fein mit Kümmel und Majoran abgeschmeckten pikanten Kartoffelgulasch bereits ein Löffel genügt, damit kein Hahn mehr nach Curry kräht, sollte man unbedingt einen Nachschlag bereithalten. Sowohl Kärntner (Kasnudeln), als auch Steirer (Käferbohnensuppe) und Tiroler (Kaspressknödel) dürften sich auf den 272 optisch wie haptisch delikaten Seiten verstanden fühlen, Großeltern die neu interpretierten Rezepte wiedererkennen und auch ihre Enkel sich zurechtfinden. Neben dem Kompott, „eine unterschätzte Mahlzeit“, wie die Autorin findet, werden auch Süßspeisen wie Zwetschkenfleck und Apfelschlangerln, die man früher bei Oma – oder bei Tante Herta aus dem Traunviertel – vom Blech genascht hat, entstaubt und auf gutem alten Lilienporzellan aufgetischt.

Bild: © Sarah Krobath

Dass man österreichische Gerichte mit österreichischen Zutaten kocht, versteht sich von selbst. Am besten mit jenen, die gerade Saison haben, dann bekommt man nicht nur den besten Geschmack, sondern auch keine Blasen an den Füßen vom Gerenne zu verschiedenen Spezialitätenläden. Weil etwa Eier und Erdäpfel das ganze Jahr über erhältlich sind, hat sich ins Buch „Jederzeit“ als fünfte Jahreszeit hineingeschummelt. Diesen Titel kann man auch ruhig wörtlich nehmen, mir will nämlich beim besten Willen keine Situation einfallen, in der Spinatknödel und Kaiserschmarrn nicht angebracht wären.

Bild: © Sarah Krobath

Neben einleitenden Ratschlägen zur Zutatenwahl und für ein entspanntes Kochen, gibt es zu beinahe jedem Rezept Tipps, Varianten und eine Getränkeempfehlung. Wem das Gratinierte Risi Bisi – so wie es einen vom Foto herunter anlacht, äußerst unwahrscheinlich – zu langweilig erscheint, bei dem sorgt die Variante mit Erbsenpüree für frischen Wind in der Pfanne. Roten Veltliner habe ich für meinen Teil auch noch keinen dazu getrunken. Egal ob man einen Kniff sucht, um Gurken raffinierter abzuschmecken – etwa mit Blütenhonig – oder seinen Gästen aus dem Ausland typisch österreichische Kost ohne anschließendes Koma servieren möchte, beim Blättern im Stichwort- und Rezeptverzeichnis wird man fündig, bei einem Blick auf das beiliegende Saisonplakat vor allem hungrig. Von den ebenso raffinierten wie vertrauten Gerichten über die stets richtigen einleitenden Worte, die Katharina Seiser zu jedem Rezept gefunden hat, bis zum „Küchenösterreichisch“ am Ende des Buches, Österreichische Esskultur pur. Wenn diesem Kochbuch überhaupt etwas fehlt, dann noch mehr Lesebändchen.

Bild: © Sarah Krobath

Mit Piraten ist gut Kaffee trinken.

14 Sep

Bild: © Sarah Krobath

Piraten essen mit den Händen und bechern Unmengen Rum, sie haben Holzbeine und Hakenhände, tragen Augenklappen und sehen im Idealfall aus wie Johnny Depp. Dafür, dass sie besonders viel von Kaffee verstehen sollen, sind sie nicht gerade bekannt. Es sei denn, es handelt sich um die „Coffee Pirates“, die vor kurzem in der Spitalgasse beim Alten AKH vor Anker gegangen sind. Nach vier Monaten Umbau kann man die helle und freundliche Kajüte, durch deren große Fenster man beim Vorbeigehen schon des Öfteren neugierig hineingelugt hat, endlich entern. Die Kaffeepiraten halten es wie mit Papst Johannes Paul II: „Zwei Dinge sind schwer zu bekommen: Ehrlichkeit und eine gute Tasse Kaffee“. Und genau das ist es, was sie ihren Gästen servieren wollen – „ehrlich guten Kaffee“. Neben zukünftig von Zeit zu Zeit wechselnden Kaffeeröstungen – die Basis bildet der PiratesBlend Nr. 3 – sind auch hausgemachte Limonaden, Iced-Teas und Smoothies mit an Bord. Volljährige Piraten können sich sogar einen Smoothie mit Rum hinter die Augenklappe kippen. Trotz seiner überschaubaren Größe bietet das Lokal jede Menge Möglichkeiten, um auf Entdeckungsreise zu gehen. Bildbände und Magazine laden zum Schmökern ein und auf dem Globus im Nebenraum kann man sich direkt sein nächstes Reiseziel aussuchen.

Bild: © Sarah Krobath

Aus der Kombüse kommen frisch getoastete Panini gefüllt mit Strauchtomaten und Mozzarella, Rohschinken und Parmesan oder Humus und Falafel sowie hausgebackene Cheesecakes und Muffins. Im Lot ist hier nicht nur das Speisen- und Getränkeangebot, die Preise sind es ebenfalls.

Bild: © Sarah Krobath

Der größte Schatz steht am Ende des Tresens: Eine Kees van der Westen „Spirit“ Espressomaschine. Die eigene Röstmaschine ist ebenfalls schon auf dem Weg – ein Countdown auf der Website zeigt an, wann sie im Hafen einlaufen wird.

Bild: © Sarah Krobath

Auch für Filterkaffee-Trinker ist bei den Coffee Pirates Land in Sicht. Neben einem Single Origin/Estate Arabica aus Guatemala und Filterkaffees von Johanna Wechselberger kann man sich vor Ort mit Hario-, Aeropress-, Chemex- und Tiamo-Zubehör eindecken. Für den Fall, dass man angesichts der Auswahl oder mangels eigener Kaffeekenntnisse in Seenot gerät, steht einem die sympathische Crew beratend zur Seite und Seemannsgarn bekommt man hier bestimmt keines aufgetischt. Vom ehrlich fantastischen Kaffee über die herzliche Bedienung bis zum Piratenherz auf der Untertasse – ein Coffeeshop mit Potenzial zum Heimathafen.

Bild: © Sarah Krobath

Coffee Pirates: Spitalgasse 17, 1090 Wien, Mo-Fr 8.00-19.00 Uhr, Sa 9.00-15.00 Uhr

Tipp: Bei den Kaffeepiraten anheuern! Ab Oktober werden nämlich noch Baristas gesucht.

Wie zuhause. Sofern dort ein Haubenkoch am Herd steht.

8 Sep

Fabios © Sarah Krobath

Mit dem sich zuhause Fühlen ist das so eine Sache. Die Problematik fängt schon mit der beliebten Aufforderung „Fühl dich einfach wie zuhause!“ an. Daheim fühl ich mich automatisch zuhause, weil ich es bin. Ich muss also nichts dafür tun. Es mag ja Menschen geben, die auf diese Floskel hin sogleich ungeniert eine Flasche Prosecco aus dem Kühlschrank des Gastgebers holen, sich damit aufs wildfremde Sofa knotzen und mit den Fingern in die Nussschale am Beistelltisch tappen. Ich jedenfalls bin keine von ihnen. Dazu müsste ich schon meine Lieblingskissen und meine guten alten Teelichthalter – ein geschätztes Geburtstagsgeschenk einer Freundin – im Gepäck haben oder zumindest das Sofa an derselben Stelle wie meines von einem Fleck geziert werden. Wenn nun ein Nobel-Italiener am Wiener Tuchlauben beteuert, dass man sich bei ihm „a casa“ fühle, stimmt mich das erwartungsgemäß skeptisch. Wer kann schon behaupten, dass beim Einrichten der eigenen vier Wände ein Büro BEHF seine fachkundigen Finger im Spiel hatte, in der Küche eine dreizehnköpfige Mannschaft steht und im Esszimmer eine Vitrine, in der Prosciutto und Salami von der Decke baumeln.

Bild: © Sarah Krobath

Ab 10. September hat das Fabios, das bereits seit zehn Jahren in der Wiener Gastronomie-Szene daheim ist, nach einer zweimonatigen Umbauphase wieder geöffnet. Neu sind nicht nur Interieur und Konzept des laut Chef Fabio Giacobello „lässigsten Wohnzimmers der Stadt“, sondern auch die Menschen, die hinter Herd und Bar um das Wohl der Gäste bemüht sind. Gemeinsam mit einer Runde aus Bloggern durfte ich schon einmal vorfühlen und die Kreationen von Küchenchef Joachim Gradwohl verkosten.

„Fast bequemer als mein Sofa“, denke ich als ich in dem weichen, grau-lila Sessel an der Tafel Platz nehme. Im Hintergrund läuft eine angenehm zurückhaltende Lounge-Beschallung und das Licht ist so, wie ich es auch in meinem Heim  zum Abendessen einstellen würde, wenn ich einen Dimmer hätte – von der aufwändigen LED-Beleuchtung der Bar mit unterschiedlichen Farbstimmungen ganz zu schweigen.

Bild: © Sarah Krobath

Daran, dass mein Prosecco- und Wasserglas vom Personal immerfort gewissenhaft aufgefüllt werden und der Contrada aus Sangiovese, Merlot und Cabernet Sauvignon in meinem Weinglas nie zu versickern droht, könnte ich mich ebenso gewöhnen wie an die köstliche Brotselektion von Joseph und Kasses, die in einem schlichten Holztablett aufgetragen wird. Ich sehe schon, für meinen Freund brechen schwere Zeiten an. Von mir hingegen fällt gerade jegliche Anspannung ab. Normalerweise finde ich Dinner in solch noblem Rahmen ja eher anstrengend. Zum einen komme ich mir in meinem angemessen schicken Aufzug verkleidet vor und zum anderen sehe ich oft das richtige Besteck vor lauter Tafelsilber nicht. Bereits beim ersten Gang löst sich jedoch jegliche Steifheit in knusprigem Wohlgefallen auf, denn Fabios Popcorn in Rosmarin-Tempura lässt sich leger mit den Fingern verspeisen.

Bild: © Sarah Krobath

Nach dem Pfefferthunfisch auf einem Salatbett aus Sprossen und Gemüse und den al dente gekochten Bucatini mit Rehsugo, Waldpilzen und Petersilienpesto können mich nicht einmal mehr die zarten Vongole und der Oktopus auf Risotto mit gerösteten Artischocken einschüchtern. Der Steinbutt mit schwarzen Nüssen schmeckt so wie er soll und lässt sich am Gaumen auch nicht von der köstlichen Kombination aus Pastinaken und Rum beirren, mit der er daherkommt. Dasselbe gilt für das Vanilleeis zum Dessert, lediglich der Lavendel beim Lavendel-Pfirsich hätte ruhig ein bisschen couragierter sein können.

Bild: © Sarah Krobath

Wie zuhause üblich, setzt sich der Koch nach getaner Arbeit zu seinen Gästen an den Tisch. Auf die Frage, wo er denn am liebsten esse, antwortet Joachim Gradwohl wie aus der Pistole geschossen: „Daham!“. Dort kämen vor allem Gemüse mit Pasta und Reis, seltener Fisch und Fleisch auf den Tisch, erzählt er. Ein Stück Familie hat er an seinen neuen Arbeitsplatz mitgebracht, sein Cousin aus der Buckligen Welt beliefert das Restaurant mit Wild und ein Onkel aus der Steiermark mit Schweinefleisch. Aber auch Vegetarier und Veganer kämen im Fabios auf ihre Kosten, versichert Gradwohl, der bereits unter Eckart Witzigmann im Münchner Aubergine kochte und zuletzt die Küche in Meinl’s Restaurant  führte.

Bild: © Sarah Krobath

Ob Frühstück, Pasta oder ein Salat zu Mittag, Detox Säfte von Fionas Juices für zwischendurch, ein Drink after work an der Bar oder mediterrane Kompositionen an einem besonderen Abend – Möglichkeiten, sich im neuen Fabios einzugewöhnen, bieten sich genügend. Aber Vorsicht: Nicht, dass man vor lauter sich zuhause fühlen am Ende noch vergisst, zu zahlen. Qualität hat eben ihren Preis, beim Nobel-Italiener wie auch im lässigen neuen Fabios.

Essen macht schön.

2 Sep

Bild: Cup of Fame © donkey-products.com

„Man kann nicht den ganzen Tag essen, aber sich eincremen“, scheint sich die Kosmetik-Industrie zu denken. Das würde erklären, weshalb Schokolade und Obstsorten von A wie Aprikose bis Z wie Zitrone neben den Supermarktregalen vermehrt jene der Drogeriemärkte bevölkern. Körperbutter mit Himbeer-Duft, Shampoo, das die Haare riechen lässt, als hätte man eine Kokosnuss direkt mit seinem Kopf geknackt und Lippenpflege, die nach Cola schmeckt – von der Fülle an nach Süßigkeiten benannten Nagellacken ganz zu schweigen. Schön, Kleopatra hat angeblich in Milch gebadet und auch auf den Pyjamapartys von mir und meinen Freundinnen durfte früher die obligatorische Gurkenmaske inklusive dekorativer Scheiben für die Augen nicht fehlen. Der Milchmädchenrechnung „Was gesund ist, kann für Haut und Haare nicht schlecht sein“ kann ich gerade noch folgen. Aber Mango-Sorbet fürs Dekolleté? Kakao für die Hüften? Und Kaugummi für die Lippen? Während früher höchstens der Clown in einem schlechten Zirkus-Sketch eine Torte ins Gesicht bekam, ist frau heutzutage von Kopf bis Fuß auf Dessert eingestellt. Die Spülung mit weihnachtlicher Zimt-Nelken-Duftnote können sich die Pflegehersteller getrost in die Haare schmieren. Nur weil ich Lebkuchen nicht widerstehen kann, muss ich noch lange nicht wie einer riechen. Wenn ich Lust auf Zuckerwatte habe, fahr ich in den Wiener Prater und kauf mir einen Holzstab mit gesponnenem Zucker, keinen Pflegestift mit nachempfundenem Aroma. Die Gewichtsaufpasser unter uns sehen das womöglich anders. Vielleicht gibt es sogar bereits Verfechter der neuen Trend-Diät, bei der diesmal wirklich alles erlaubt ist, solange es in einem Seifenspender, einer Spraydose oder als Lippenstift daherkommt. Stangensellerie und Magertopfen im Kühlschrank; Mousse au Chocolat, Vanillepudding und Bananasplit im Badezimmer. Statt sich seinem Heißhunger auf Süßes hinzugeben, macht man ihm einfach mit ein paar Sprühstößen Vanille-Mandarinen-Deo Luft. Wie wär’s mit einer Anti-Cellulite-Creme mit einem Hauch von Crème Brûlée? Oder einem straffenden Peeling à la Stracciatella? Die Kennzeichnung „für fettendes Haar“ bekäme durch ein Shampoo mit Donut-Aroma auch eine ganz neue Bedeutung. Ich für meinen Teil hab den Obstsalat und diverse Nachspeisen ja lieber im Bauch als auf dem Körper, es könnte aber gut sein, dass sich wieder einmal die ein oder andere Gurke in mein Gesicht verirrt. Mit dem Essen spielt man nicht, heißt es – von schmieren und sprühen hat keiner was gesagt.

Das Wandern ist des Völlerers Lust.

28 Aug

Bild: © Sarah Krobath

Im Winter unter dem Werk von unzähligen Schneekanonen verborgen, locken um diese Zeit Wanderwege und Laufstrecken mit ihren rot-weiß-roten Markierungen. Der Sessellift mit Sitzheizung ist zur luftigen Panoramabahn umfunktioniert worden und anstelle von Schneemännern und Comicfiguren kreuzen grasende Kühe den eigenen Weg – Slalom gehen statt fahren. Skibrillen sind out, Sonnenbrillen sind in. Es ist Sommer auf der Alm. Und auf der Almhütte? Käsespätzle mit gerösteten Zwiebeln, Bernerwürstel mit Pommes und Germknödel mit Vanillesauce stehen auf dem jahreszeitlosen Menü. Hier kann man sich schon im Spätsommer einen Vorgeschmack auf den unvermeidlich bevorstehenden Winter holen. Als der Herr neben mir auch noch ein Skiwasser bestellt, frage ich mich ernsthaft, ob ich ein paar Monate verpasst habe und es sich bei seinen Nordic Walking Stöcken gar um Skistöcke handeln könnte. Ja, der Sommer geht dem Ende zu, aber muss man deshalb gleich bis zur Skisaison vorspulen? Wir haben gerade bei 28 Grad einen Berggipfel erklommen, jeweils einen halben Liter Apfelsaft gespritzt hinuntergestürzt und möchten uns mit einem sommerlichen Salatteller mit gebackenem Schafskäse, beziehungsweise Putenstreifen erfrischen. Stattdessen treibt uns der bloße Anblick der Speisekarte die Schweißperlen auf die Stirn. Wie soll man sich bitteschön in einer Freiluftsauna in 1.700 Metern Höhe für ein dampfendes Erdäpfelgulasch oder einen Trog – von Teller kann bei solchen Maßen keine Rede sein – Kaspressknödelsuppe erwärmen? Suppe haben wir selber: das Mineral im Rucksack hat während dem dreistündigen Aufstieg schon zu sieden begonnen. Bei solchen Temperaturen – Kaiserschmarrn und Co braten auf der Sonnenterrasse alleine vor sich hin – könnte der Koch seinen Gehilfen eigentlich hitzefrei geben.

Bild: © Sarah Krobath

Kalt aber nicht weniger deftig kommt die Brettljause daher. Auf einem Schneidebrett, das groß genug ist, um als Snowboard eines Fünfjährigen durchzugehen, wandert sie an uns vorüber. Die grüne Pfefferoni, die dekorativ auf ein Kissen aus Kren gebettet ist, wirft mir einen mitleidigen Blick zu. Mit einem wärmenden Stamperl Schnaps lassen sich die mit Schmalz beschmierten und mit Speck und Schweinsbraten bestückten Brote gleich besser verdauen, finden unsere Tischnachbarn. Was bei keinem Einkehrschwung fehlen darf, ist sicher auch bei einer Wanderung im Sommer nicht verkehrt. Am Nebentisch gehen die Zirberl weg wie die Maß Bier beim Münchner Oktoberfest ­– und das um zwei Uhr nachmittags. Na wenigstens muss man sich im Suppenkoma mit Sonnenstich und Vollrausch nicht mehr auf die Ski stellen. Einfach die Sonnenbrille aufsetzen, mit der Panoramabahn ins Tal gondeln und stolz sein, dass man ihn bezwungen hat – den Gipfel, den Schweinsbraten oder den Germknödel.

Vier Tage Keimzeit und kein Todesfall.

19 Aug

Bild: © Sarah Krobath

Horatio Caine kann mit seinem CSI-Team gerne meinen Keller auf den Kopf stellen. Dort wird er keine Leichen finden. Für den Fall, dass er jedoch einen Blick in meinen Biomüll riskiert, plädiere ich auf unzurechnungsfähig. Auf die Frage, welches denn meine Lieblingsblumen sind, gibt es nur eine Antwort: „pflegeleichte“. Das scheint sich inzwischen herumgesprochen zu haben – vielleicht ist es aber auch reiner Zufall, dass ich  von Freunden nie gebeten werde, während ihres Urlaubs ihren Balkongarten zu gießen. So fürsorglich wie ich regelmäßig meinen Kühlschrank überfüttere, mein Gewürzregal aufstocke und meine Kochbücher nach Alphabet, Umfang und manchmal auch nach Farben sortiere, so nachlässig bin ich bei Angelegenheiten, die eine tägliche Routine erfordern. Nicht nur, dass jedes meiner Tamagotchis frühzeitig ins pixelige Gras gebissen hat, ich habe auch noch eine ganze Reihe Hermanns auf dem Gewissen. Erinnert sich noch jemand an den Kuchen aus Sauerteig, den man täglich mit Mehl, Zucker und Milch füttern musste, um ihn nach zehn Tagen endlich zu backen? Der Hermann ist quasi der Kettenbrief unter den Kuchen – einer setzt den Teig an, päppelt ihn zur doppelten Menge auf, teilt und verschenkt ihn. Bei mir haben Hermanns eine ähnlich geringe Lebenserwartung wie Orchideen oder Minzepflänzchen. Das ignorierten meine Freundinnen allerdings, beglückten mich weiterhin und lösten damit eine regelrechte Mordserie aus. Ich hatte mich schon fast mit meinem Schicksal abgefunden – Alles, was König Midas anfasste, wurde zu Gold. Was ich anfasse, wird eben zu Biomüll. – als mir eine Freundin ein Päckchen mit Alfalfa-Samen, auch Luzerne genannt, schenkte.

Bild: © Sarah Krobath

Da ich keinen Sprossenkultivator  besitze – zu versagen ist eine Sache, es trotz des besten Equipments zu tun, eine ganz andere – habe ich die Samen kurzerhand in ein Honigglas aus meiner hauseigenen Altglassammlung einquartiert. „Einen Teelöffel Samen sechs Stunden in Wasser einweichen und dann jeden Tag morgens und abends einmal mit frischem Wasser spülen – das ist deppensicher“, war mir gesagt worden. „Todsicher“, dachte ich. Am zweiten Tag wollte ich schon den Leichensack, pardon, Biomüllbeutel auspacken, als mir bewusst wurde: Das Glas ist halb voll! Die kleinen Keimlinge, die sich bereits nach dem ersten Tag zu erkennen gaben, hatten nicht nur überlebt, sie waren sogar gewachsen. Am dritten Tag war das Honigglas so überfüllt wie es die heimischen Schwimmbäder während einer Hitzewelle sind und ich musste die Hälfte der Sprossen in ein zweites Glas übersiedeln. Eben noch der Müll-Midas, kam ich mir vor wie das Mädchen aus dem Märchen mit dem Topf, der endlos Brei kocht.

Bild: © Sarah Krobath

Zum Glück sind Sprossen sehr umgänglich – sie fühlen sich auf dem Butterbrot gleich wie zuhause, machen als Topping auf Salat und Gemüsegerichten eine gute Figur und mischen sich gerne in Smoothies unter andere Zutaten. Obendrein stecken sie auch noch voller Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente und helfen unserem Stoffwechsel und Immunsystem auf die Sprünge. Sprießen lassen kann man unterschiedlichstes Saatgut – von Gemüse wie Radieschen, über Hülsenfrüchten wie Mungobohnen oder Kichererbsen, bis hin zu Getreidesorten, Ölsamen und sogar Gewürzen. Sie gedeihen das ganze Jahr über und auch ganz ohne grünen Daumen. Ab sofort gibt es in meiner Küche täglich selbstgezogene frische Sprossen – Lebensmittel statt Tote.

 

Kaufen kann man Saatgut zum Keimen in Reformhäusern, Naturkostläden oder beim Gärtner seines Vertrauens. Angaben zum Einweichen und Keimen lassen gibt’s hier.

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