Bücher zum Sattlesen im Sommer

25 Jul

Sattleseliste © Sarah KrobathDie Schweißperlen auf der Stirn und im Nacken ersparen mir den Blick aufs Thermometer. Den Bikini trage ich inzwischen mindestens gleich viel indoor wie außerhalb der eigenen vier Wände. Und beim Blick in den Kühlschrank stelle ich mich neuerdings absichtlich blind, auch wenn ich längst gefunden habe, wonach ich suche. So heiß ich auch vor einigen Monaten noch auf den Sommer war, so sehr wünsche ich meine Dachgeschosswohnung seit ein paar Tagen ins tief verschneite Kopenhagen aus Fräulein Smillas Gespür für Schnee und fände es gar nicht so tragisch, wenn die prophezeite frostige Eiszeit aus The Day After Tomorrow schon heute eintreten würde. Bei vierzig Grad im Schatten über unter Moonboots knirschende Schneewehen zu lesen, klappt irgendwie trotzdem nicht. Genauso wenig wie über dunkle Blasen werfendes Raclette, heißen Cider und Linzeraugen im Zuckergestöber. Das ist mir ganz konkret letzte Woche bewusst geworden, als ich mich entscheiden musste, welche Passage aus meinem eBook Who the f*** is Heidi? ich bei der Buchpräsentation vorlesen würde. Die Zuhörer aufzufordern, sich ein Käsefondue-Experiment oder zähneklappernde Marktverkäufer vorzustellen, wäre bei aller Phantasie zuviel verlangt gewesen. Sommerlektüre muss nun mal im Sommer spielen, sie muss selbst angesichts des drohenden Hitzetodes Lust auf Sommeraktivitäten und ähnlich wie ein saisonales Kochbuch Appetit auf Sommerküche machen. Wer will sich schon Eislandschaften zu Gemüte führen, wenn er dasselbe mit Eistüten tun kann? Wozu sich die Finger nach Skihüttenspätzle lecken, wenn man es nach Freibadpommes tun kann? Und wieso sich krampfhaft den Christkindlmarkt-Dunst von Zimt und Zucker ins Gedächtnis rufen, wo eine imaginäre Nase voll Erdbeerland viel näher liegt? Eben! Darum hab ich eine kleine Liste mit meinen liebsten deutsch- und englischsprachigen Begleitern durch vergangene und den aktuellen Sommer zusammengestellt und freu mich auf eure Ergänzungen!

Zum Sattlachen:

Kochen mit Fernet Branca, James Hamilton-Paterson: Die Füße hochlegen und die Vorstellung der Toscana bei einem Glas Fernet genießen – vorausgesetzt, man wird nicht wie die beiden Hauptfiguren vom Nachbarn gestört.

Maria ihm schmeckt’s nicht, Jan Weiler: Weil Geschichten über italienische Familien und ihre zelebrierten Mahlzeiten einfach großartig sind und man sich unterwegs mit Italienern immer ein wenig wie auf Urlaub fühlt.

Warum Tante Iphigenie mir einen Koch schenkte, Eleni Torossi: Der Multi-Kulti-Mix einer griechischen Großfamilie, der sich ebenso gut liest wie isst (Rezepte inklusive).

Abenteuer satt:

Delancey, A Man, a Woman, a Restaurant, a Marriage; Molly Wizenberg: Eine eigene Pizzeria, das wär’s doch! Und dann auch noch mit dem Kerl, an den man sein Herz verloren hat.

Hitze, Bill Buford: Der Titel passt zum Wetter und das Buch hält, was der Untertitel “Abenteuer eines Amateurs als Küchensklave, Sous-Chef, Pastamacher und Metzgerlehrling” verspricht.

Garlic and Sapphires, Ruth Reichl: Wie wird man eigentlich der Restaurantkritiker der New York Times? Wer das Buch liest, findet’s raus und bekommt dabei Hunger und Lust, sich beim nächsten Restaurantbesuch zu verkleiden.

Genussvolle Erinnerungen:

Paris, ein Fest fürs Leben, Ernest Hemingway: Auch ein Fest zum Lesen! Hemingway lässt einen verstehen, wie wenig es braucht um einfach glücklich zu sein.

Bread & Wine, Shauna Niequist: Weil die besten Gespräche und schönsten Momente am Esstisch stattfinden, nicht nur im Sommer.

Eating wildly, Ava Chin: Weil der Sommer auch uns Städter in die Natur zieht, und das völlig zurecht. Am besten im Grünen lesen!

Burnt toast makes you sing good, Kathleen Flinn: Weil der Nachgeschmack mancher Erinnerungen zum Glück ewig anhält.

Guten-Appetit-Geschichten:

Bittersüße Schokolade, Laura Esquivel: ein Klassiker und immer wieder bittersüßes Lesevergnügen für alle Sinne.

Schlaraffenland, Stevan Paul: Wunderbare Kurzgeschichten als appetitanregendes Urlaubslesefutter zwischen einem Bad in den Wellen und einem Snack am Strand.

Jäger und Info-Sammler – vom (Un)sinn des Vegetarismus

18 Jul

Treffen sich ein ehemaliger Puddingvegetarier, eine Bio-Verfechterin, eine Vegan-Fashionstore Besitzerin, ein Mangalitza Schweinezüchter und ein prominenter Selbstversorger in spe. Oje, wird jetzt denken, wer schon einmal miterlebt hat wie die Debatte über Vegetarismus und Veganismus ausarten kann, ins Lächerliche gezogen wird oder gar allen Teilnehmern den Appetit verdirbt. Was bei der gleichbetitelten Podiumsdiskussion vergangenes Wochenende auf der Biorama FAIR FAIR herauskam, war aber alles andere als ein Witz, sondern viel mehr ein angeregter Austausch rund um die Frage von Moderator Andreas Schindler (FM4): Dürfen wir Tiere nutzen und wie?

Katharina Seiser, Jasmin Schister, Christoph Wiesner © Sarah Krobath

Katharina Seiser, Jasmin Schister, Christoph Wiesner #fairfair14 © Sarah Krobath

Um erstere Fragestellung für sich zu beantworten, gibt es für Felix Hnat von der Veganen Gesellschaft Österreich nur eine Grundlage: eigene Erfahrungen und Entscheidungen. Seine persönlichen sind von einem Schlüsselerlebnis als Kind geprägt. Damals konnte er zwischen dem Hund und Schwein seiner Tante keinen großen Unterschied ausmachen – bis auf den, dass „der Borsti“ am nächsten Tag geschlachtet werden sollte. Manche Tiere zu essen und andere zu verhätscheln, findet er heute wie damals kontrovers. Jasmin Schister vom veganen Fashionstore Muso Koroni hinterfragt überhaupt den Grund für Fleischkonsum, wo doch tierische Fette ohnehin als ungesund gelten. „Ich bin der Überzeugung, dass ich Fleisch brauche“, erklärt hingegen Mangalitza-Züchter Christoph Wiesner von der Arche De Wiskentale. Bei den Wiesners kommt dreimal am Tag Fleisch auf den Tisch kommt – nur das von den Freilandschweinen des eigenen 20 Hektar großen Hofes versteht sich. Demnächst vielleicht auch von zwei Kühen, wie er dem Publikum und  seiner bis dato genauso ahnungslosen Frau spontan eröffnet. Journalistin, Kochbuch-Autorin und Initiatorin des Tierfreitag Katharina Seiser hat für sich ebenfalls ganz bewusst entschieden, dass sie sich bei der Vielfalt an Lebensmitteln nicht einschränken will. Eine klare Linie zieht sie trotzdem – nämlich zwischen Bio-Produkten und konventionellen: „Für mich ist Bio die Norm und konventionelle Landwirtschaft das, was irgendwie komisch ist.“ Fleisch wegzulassen sei hingegen ganz einfach, betont sie und liefert mit ihrer vegetarischen Kochbuchreihe je Buch 150 Rezepte als Beweis. Dafür gäbe es aber zwei Voraussetzungen: zum einen kochen können und wissen wie ein Lebensmittel von der Erde in den Kochtopf und schließlich auf den Tisch kommt. Und zum anderen der Kontakt zum Produzenten. „Shake the hand that feeds you“, zitiert sie Michael Pollan und weist auf die bestehende Holschuld der Konsumenten hinsichtlich Informationen zum eigenen Essen hin.

Der prominenteste Gast auf der Bühne, Roland Düringer, sieht das größte Problem in der Fremdversorgung. Diese große Illusion könne schnell enden, deshalb arbeite er an der „Daseinsmächtigkeit“ und treffe gewisse Vorkehrungen. Weil er von dem Gemüse in seinem Garten allein nicht leben könnte, hält er neben drei Schwäbisch-Hällischen Schweinen auch einen Jagdschein. So habe er auch die Freiheit gehabt, seinen Garten heuer den Schnecken zu überlassen – „das wäre sonst Massenmord gewesen!“. Jemand, der zwar auf Speck verzichtet, sich im Biosupermarkt aber Produkte mit Palmfett in den Einkaufswagen legt, trägt nur zu einer „Verschiebung des Problems“ bei, findet er.

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Roland Düringer, Felix Hnat #fairfair14 © Sarah Krobath

Ist der Jagdschein also die neue Lizenz zum verantwortungsvollen Fleischkonsum?

„Damit wir dorthin kommen, wo wir vor 100 Jahren waren, muss sich gesetzlich viel ändern“, schildert Christoph Wiesner die aktuelle Situation. Die von ihm betriebene Freilandhaltung sei im Grunde illegal, weil er bei seinen Tieren den Kontakt mit Wild eigentlich strikt vermeiden müsste. Von dieser Art krimineller Energie wünscht sich Roland Düringer mehr in Österreich. Völlig legal kann dafür laut Lebensmittelgesetz jeder ein Tier am Betrieb seines Vertrauens selbst schlachten. Hausschlachtungen ohne Kontrolle betrachtet Felix Hnat, der selbst einmal auf einem kleinen Schlachthof mitgeholfen hat, aber auch nicht als ernsthafte Lösung. Für ihn passen Tierfreundlichkeit und ein humaner Umgang mit dem Akt des Schlachtens, bei dem das verängstigte Tier alles mitbekommt, nicht zusammen. Ein Grund mehr für die Jagd, findet Roland Düringer – vorausgesetzt der Jäger schießt gut.

Ob man sich nun zu den 3-5% Vegetariern in Österreich zählt oder nicht, angesichts der Tatsache, dass 60% der österreichischen Futtermittel aus dem Ausland stammen und Rinder heute unnatürlicherweise mit rund 20% Eiweiß zugefüttert werden, sollte man sich, so Düringer, einer Sache bewusst sein: „Massentierhaltung is ned nur ned leiwand, sondern g’schissn.“ Da sind sich alle Podiumsteilnehmer einig und es gibt angesichts des ernsten Themas abschließend doch noch etwas zu lachen.

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Viva la Wocheneinkauf!

9 Jul
Am Kutschkermarkt © Jürgen Pletterbauer

Am Kutschkermarkt © Jürgen Pletterbauer

Freilich könnte ich  jeden zweiten Tag kurz vor Ladenschluss ins beinahe schon durchgehend geöffnete Geschäft meines Vertrauens bzw. der näheren Umgebung hasten, um die Handvoll Lebensmittel zu besorgen, die ich gerade brauche oder auf die ich gerade Lust habe. Freilich käme ich dann mit allerhand, das ich eigentlich überhaupt nicht gebraucht hätte, mir aber die in doppeltem Sinne günstigen Zweitplatzierungen aufgedrängt haben, wieder raus. Effizient ist das freilich nicht und angenehm erst recht nicht. Lieber kaufe ich einmal die Woche richtig ein. Einkaufen sollte man nämlich so wie man im idealerweise auch isst: bewusst und mit Genuss. Das in einem Supermarkt in der grantigen Schlange vor dem noch grantigeren Kassierer zu schaffen, ist ein wahres Kunststück. Eines, das mir persönlich einfach nicht glücken will. An den Einkaufswagen gelehnt meditieren, Atemübungen im Rhythmus des Kassapiepens und sämtliche Relax, Chill-out und Chillax Playlists auf Spotify – nichts davon vermag die abschließende Hetzjagd am Kassaband (wer ist schneller – du beim über den Sensor Ziehen und wie wild Barcodes Eintippen oder ich beim Einpacken?) zu entschärfen.
Deshalb kaufe ich mittlerweile nur noch einmal die Woche ein. Samstags. Am Markt. Und zwar in aller Ruhe – vorausgesetzt es gelingt mir, den Parcours, den die eiligen Damen jeden Alters mit ihren zu Einkaufshelfern umfunktionierten Billigtrolleys made in China absolvieren, zu ignorieren. Sicherheitshalber halte ich mir den ganzen Vormittag dafür frei. Auf die Art ist es letztendlich egal, ob ich neben 40 Euro auch noch 2 Stunden am Schweizer Käsestand und dem schräg gegenüber positionierten Biobauern liegen lasse. Einkaufen – das hab ich in Italien gelernt – ist eine vormittagsfüllende Beschäftigung, die durchaus ein Genuss sein kann, wenn man sie als solche akzeptiert. Das zu tun, habe ich ebenfalls auf die harte Tour im Piemont gelernt.
Während bei uns schon mindestesns drei Leute lauthals „Kassaaa!“ krächzen würden, warten die Italiener geduldig in der Schlange, studieren noch das ein oder andere Produktetikett oder unterhalten sich mit schlichtweg Fremden über das Befinden eines Cousins, die meteorologischen und kulinarischen Aussichten fürs Wochenende oder die aktuelle offerta speciale. Bei manchem Fleischhauer wird einem die Wartezeit sogar mit einem Glas Wein oder einem Espresso versüßt. Darüber, dass das Servieren derselben zu einer weiteren Verzögerung beiträgt, wird pazientemente hinweggesehen.
Nach so einem Wocheneinkauf sind Kühlschrank, Obstschüssel, Brotdose und Käsevorräte wieder aufgestockt und es lässt sich einige Tage gut und genüsslich davon leben, ja sogar Gäste damit verköstigen. Wenn dann doch einmal die Eier für die Biskuitroulade vergessen worden sind, sich das Brot viel zu früh vor dem nächsten Wochenende verkrümelt hat oder ihm der Käse sogar zuvorgekommen ist, dann kann man ja schnell einmal einen Ausflug ins grantige und hektische Supermarkttreiben machen und die anwesenden Ein- und Verkäufer mit einem unverzagten Lächeln völlig aus ihrem Konzept bringen. Ist schließlich nur eine Ausnahme, in ein paar Tagen geht es wieder für zwei, drei Stunden zum Wocheneinkauf auf den Markt.

Meine 3 liebsten Wiener Märkte:

  1. Yppenmarkt im 16.: beim samstäglichen Bauernmarkt in meinem Grätzel kaufe ich neben Bio-Obst und Gemüse gerne meine Schweizer Lieblingskäse von Jumi beim Stand von Juhu oder kaes.at, italienische Spezialitäten und, wenn ich Italien besonders vermisse, einen Crodino bei La Salvia sowie Brot und Mohnzelten bei Kasses.
  2. Kutschkermarkt im 18.: Hüseyin macht seine Kebabspieße mit viel Liebe selbst – jeden Samstag gibt’s herrliches Lammkebap (so ziemlich das einzige, das ich esse), Pöhl’s Käsestand versorgt mich neben abwechslungsreichen Käsekreationen von kleinen Produzenten – viele davon sind aus Rohmilch hergestellt – in der Mittagspause mit einer frisch gekochten Marktsuppe und versüßt mir den Tag mit der hausgemachten Kuchenauswahl. Darum halte ich mit Freude auch meine nächste Buchpräsentation am Kutschkermarkt ab, am 18. Juli um 18 Uhr.
  3. Karmelitermarkt im 2.: wenn er nicht so weit weg wäre, würde ich öfter auf einen Alt Wien Espresso bei der Kaffeestation, Flûtes von Gragger, Obst und Gemüse vom Biohof Rapf sowie wunderbaren Lavendelsirup von Garden Love und das ein oder andere Dirndl-Bier von Bruckners Erzbräu vorbeischauen.

Auf welchen Märkten kaufst du am liebsten ein? Ich freu mich über neue Tipps für meinen nächsten Wocheneinkauf!

 

Nur ein verspeistes Souvenir ist ein gutes Souvenir.

26 Jun
Bild: © Whybin\TBWA

Bild: © Whybin\TBWA

Irgendjemand hat einmal entschieden, dass es zum guten Ton gehört und als besonders aufmerksam gilt, den Daheimgebliebenen etwas aus dem Urlaub mitzubringen. Zig Souvenirläden pro Quadratmeter an sämtlichen Orten der Welt und unter anderem auch in Griechenland profitieren und leben sogar von diesem Gedanken. Also schleppen wir Urlauber in extra erstandenen Zweitkoffern flaschenweise Olivenöl und Wein, vertrocknete statt vermeintlich getrocknete Gewürze und Tees sowie vor Zucker oder Honig strotzende und dadurch schier endlos haltbare Mitbringsel in unserer Heimat ein.
Von dem viel zu schnell vergangenen 14-tägigen Urlaub überrumpelt laden viele ihre Freunde und Familie bei Sirtaki-Musik (die CD war am Flughafen im Angebot) zu einem improvisierten echt griechischen Abendessen mit dem selbst importierten Wein ein, der in der Taverne am Strand jeden Abend so toll gemundet hat. Sie hätten ihn besser dort lassen sollen. Dasselbe gilt auch für die Literflasche Olivenöl, auf deren Grund Wracks von Gemüsen und Gewürzen langsam verschimmeln und das wahscheinlich ohnehin nicht kaltgepresste Öl ungenießbar machen. Das merkt der Großteil der Heimgekehrten im Normalfall aber nie. Solche Souvenirs, so der verbreitete Irrglaube, müssen nämlich für besondere Anlässe aufgespart werden. Etwa für die Geburt des ersten Kindes (der Weg ins Krankenhaus führt meist nicht unweigerlich durch die Küche), ein Essen mit der versammelten Familie (wenn ausnahmsweise einmal alle Zeit haben, gibt es wichtigere Familiendramen als ein ranziges Mitbringsel) oder der wohlverdiente Urlaubsbeginn (wer will schon ein trauriges Überbleibsel von der letzten Reise, wenn eine neue bevorsteht?). Nachdem man die tausende Kilometer weit gereisten Flaschen, Dosen oder Gläser – vorausgesetzt sie sind nicht schon im Koffer explodiert – zehn mal abgestaubt und zurück ins Regal gestellt hat, landen sie letzendlich doch irgendwann im Müll.
Und der vermeintlich fabelhafte griechische Wein aus der Taverne? Der schmeckt ohne Sonnenuntergang, handgemachte gefüllte Dolmades und der herrlich schweren Entscheidung, zu welchem Strand man morgen mit dem Miet-Cabrio brausen soll, wie billiger Fusel aus dem Tetrapak. Die lieben Freunde machen trotzdem gute Miene zu schlechtem Bouzouki-Spiel – sie freuen sich, dass sie zumindest kulinarisch offensichtlich nichts im Urlaub ihrer Gastgeber versäumt haben.

Ölwechsel: die neuen Cuvées aus der Ölflasche.

20 Jun
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Der Verkaufsraum der Ölmühle © Sarah Krobath

Könnte sogar ein ernstzunehmender Ersatz für Kürbiskernöl sein, hat Leo Kiem beim Verkosten der Fandler Cuvée aus Bio-Mandelöl und Bio-Mohnöl in der aktuellen Versuchung, dem Magazin der Ölmühle, behauptet. Eine Aussage, die bei mir als Kernölpatriotin aus dem Grünen Herz Österreichs freilich nicht runtergegangen ist wie Öl. Davon, ob demnächst womöglich Endiviensalat mit warmen Erdäpfeln, Käferbohnen und Eierspeis in Cuvée Eins-Montur auf den Tisch kommen und die grünen Kernölflecken am Lieblingsshirt von gelben Mandel- und Mohnölpatzern abgelöst werden, wollte ich mir selbst ein Bild machen. Also hab ich der Fandler Ölmühle in meiner ehemaligen Heimat Pöllau einen Besuch abgestattet. Neugierig und motiviert, mich durch alle 10 Cuvées und das restliche ansehnliche Ölangebot zu kosten, bin ich gleich einmal übers Ziel hinaus und an der Ölmühle vorbeigeschossen. Die gibt es zwar seit 1926, das neue Gebäude mit Shop, Schaupresse, Küche, Büros und dazugehöriger Kantine aber erst seit 2012.

Die Ölmühle in Pöllau © Sarah Krobath

Die Ölmühle in Pöllau © Sarah Krobath

Ein Tropfen Vollkommenheit, steht auf der Glasscheibe der Schaupresse, hinter der Pressmeister, die zum Teil seit 25 Jahren bei der Firma sind, an der Stempelpresse ihrer Arbeit nachgehen. Leinöl steht fast immer auf ihrem Aufgabenplan – das ist gekühlt nur drei Monate haltbar und muss daher laufend frisch gepresst werden. Während kleine Ölfrüchte wie Leinsamen gequetscht werden, zerkleinert eine Steinmühle große Früchte wie Nüsse und Kerne, bevor sie vorsichtig erwärmt und gepresst werden. Ein althergebrachtes und einfaches Verfahren, bei dem der Presskuchen vom Öl getrennt wird. Nach dem Pressvorgang darf das Öl erst mal „zur Ruhe kommen“ – wie nett, so eine Pause nach dem ganzen Druck! Das hat aber nichts mit Esoterik zu tun, sondern dient dazu, dass sich die Fruchtteilchen absetzen und dem Öl somit eine Filterung erspart bleibt. Eichhörnchen werden bei Fandler übrigens nicht zu Öl verarbeitet, auch wenn das niedliche Etikett des Bio-Haselnussöls manch asiatischem Touristen etwas anderes zu verheißen scheint, wie die Anekdote zeigt, die mir Barbara Klein vom Marketing der Ölmühle schmunzelnd erzählt.

Schaupresse & Verkostungsstation © Sarah Krobath

Schaupresse & Verkostungsstation © Sarah Krobath

Mit dem Presskuchen, der früher und auch heute noch plattenweise als nahrhaftes Tierfutter weiterverkauft wird, hat sich die Ölmühle was Besonderes und besonders Köstliches einfallen lassen: die sogenannten Charakter-Salze. Dafür werden die entölten und gemahlenen Haselnüsse, Kürbis- und Hanfkerne mit Bergkernsalz aus den steirischen Alpen gemischt. Die Anwendungsmöglichkeiten in der Küche sind vielfältig und mir war sofort klar, das Kürbiskernsalz muss in die Marinade meiner Grünkohlchips, das etwas grobere Hanfkernsalz kommt das nächste Mal mit Erdäpfeln und Butterflocken oder einem Frühstücksei auf den Teller und das feine Haselnusssalz darf im nächsten Salz-Karamell die Hauptrolle spielen.

Salze mit Charakter (ohne Eichhörnchen) © Sarah Krobath

Salze mit Charakter (ohne Eichhörnchen) © Sarah Krobath

Neben den Salzen, dem kompletten Fandler Ölsortiment, das sich zu ca. 70% aus Bio und zu 30% aus konventionellen Ölen zusammensetzt, und Knabberkernen, treffe ich im Verkaufsraum und alte Bekannte aus dem Hause Pölzer und Gölles, deren Produkte Fandler ebenfalls vertreibt. Dazwischen erspähe ich Flaschen mit weißen Etiketten und der Aufschrift „Caritas & Du“. Sie gehören zur Spendenaktion, die Fandler zusammen mit der karikativen Organisation im Frühling gestartet hat – pro verkaufter Flasche Kürbis-, Walnuss- oder Camelina-Öl geht ein Euro an die steirische Familienhilfe.

IMG_6382Nun aber zu dem, wozu ich überhaupt da bin: dem Verkosten der Cuvées. Die Bezifferung eignet sich nicht nur als Geschenkidee zu diversen Jubiläen, sondern gibt vor allem über Geschmacksintensität und Charakter der Öle Auskunft. Es empfiehlt sich also mit der milden 0 anzufangen und sich zur ausdrucksstarken 9 vorzukosten.

Da gibt sich Fandler solche Mühe, aus guten Rohstoffen in Kaltpressung charakteristische Öle zu gewinnen, und dann verschneidet man die? Das Vorurteil, dass sortenreine Produkte kombinierten überlegen sein müssen, kennen wir ja bereits aus der Wein- und Schokoladewelt. Klar kommt man auch mit den 15 reinsortigen Bio-Ölen ganz gut und abwechslungsreich über die Runden. Andererseits sind die Cuvées eine gute Gelegenheit Konsumenten auf die Ölspur zu bringen, denen das pure Macadamiaöl zu buttrig-mollig, das reine Traubenkernöl zu säuerlich oder das lettige (Achtung! Steirischer Ausdruck) Camelinaöl (=Leindotteröl) zu intensiv und kohlgemüsig daherkommt. Für die meisten Cuvées werden zwei, bei einigen drei Bio-Öle gemischt, die sich gegenseitig ergänzen, abrunden und spannende Geruchs- und Geschmackskompositionen ergeben. Ernstzunehmenden Ersatz für Steirisches Kernöl (auch das gibt’s von Fandler) hab ich unter den 10 Cuvées letztendlich keinen gefunden , dafür viele neue Sinneseindrücke und Inspiration für den Umgang mit Öl gewonnen: Das Mandel-Sesam-Pärchen (0) hat mich zum Beispiel an die karamelligen Aschanti erinnert, die ich vor Jahren zum letzten Mal im Kino geknabbert hab, die Kombination aus Mandel und Mohn (1) hat mich auf die Schihütte vor einen Germknödel mit Butter und Mohn teleportiert und beim Duo aus Kürbiskern und Hanf (5) hatte ich flüssige Noriblätter im Kopf. Meine Favoriten aus der vielfältigen Reihe sind übrigens folgende:

147 – gute Öle gut kombiniert © Sarah Krobath

Cuveé 1–Bio-Mandelöl und Bio-Mohnöl: wegen der feinen Süße und nicht zuletzt wegen der wunderbaren Germknödel-Assoziation. Die Cuvée landet bei mir eher auf Desserts als im Salat.

Cuvée 4 – Bio-Kürbiskernöl und Bio-Sesamöl: erinnert mich an die Sesam-Olivenöl-Kringel auf Kreta und edelsüßes Paprikapulver. Die möchte ich unbedingt zu Kärntner Kasnudeln ausprobieren.

Cuvée 7 – Bio-Camelinaöl und Bio-Erdnussöl: macht mit dem erbsigen, leicht scharfen Aroma Lust auf Gemüseküche, etwa auf Karfiol mit Bröseln oder Brokkolipüree.

Genießen g’lernt is g’lernt.

29 Mai

sinnestour4Wie isst man eigentlich korrekterweise Sushi? Wie köpft man eine Champagnerflasche mit einem Säbel, ohne dabei Harakiri zu begehen? Und wie – ich frage mich eher weshalb – kocht man Lachs in der Spülmaschine? Nicht verzagen, Google fragen. Oder, um noch eine verhunzte Redewendung nachzulegen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans im Internet. Auf Youtube gibt es inzwischen fast genauso viele Anleitungen für Food Styling wie Hair Styling Tutorials – vielleicht demnächst ja auch kombiniert („Honig – das glänzende Finish für dein Dessert und Haar”). Einen Klick später wissen wir, wie Honig entsteht, wo der teuerste der Welt herkommt und welche „20 ungewöhnlichen Verwendungsmöglichkeiten“ es dafür gibt. Eine befriedigende Antwort auf die Frage Wie schmeckt Honig? bleibt uns das World Wide Web aber schuldig. Dasselbe gilt für Wonach riecht Hopfen? und Wie fühlt sich Chili auf der Zunge an? Um das herauszufinden, muss man sich schon vom Bildschirm losreißen und sich zur Abwechslung einmal auf die eigenen fünf Sinne, statt auf die hauseigenen 150 MBit pro Sekunde verlassen. Und das lohnt sich: „Genießer sind glücklicher und schlanker, ernähren sich ausgewogener und leben länger“ betonen Bianca Gusenbauer und Elisabeth Buchinger, die beiden Initiatorinnen der Wiener Sinnestour. sinnestour1Auf dem rund dreistündigen Spaziergang (so viel Zeit zum Genießen muss sein!) kann jeder die beiden durch zwei Wiener Bezirke begleiten und dabei die eigenen Sinne schulen. Ja, genau: schulen. Schmecken und riechen können wir nämlich lernen und leider auch verlernen. Nicht nur, dass im Laufe unseres Lebens tausende von Geschmacksknospen auf der Strecke bleiben, unser Geschmack stumpft außerdem ab, wenn wir ihn dauernd nur künstlich aromatisierten Lebensmitteln aussetzen. Statt sie zu trainieren, nehmen wir unsere Sinne aber generell als selbstverständlich hin, schütteln den Kopf über Freaks, die in einem Wein eine ganze Obstabteilung zu erschnuppern behaupten und vertrauen lieber der Beschreibung auf der Käseverpackung – fein-würzig, ja eh.sinnestour3 Wer nichts weiß, muss alle glauben – etwa dass die rotesten Äpfel auch die süßesten sind, dass Strudel etwas ausschließlich Wienerisches sind und dass Pfeffer immer gleich schmeckt. Die Teilnehmer der Wiener Sinnestour wissen es besser – nämlich, dass unsere Assoziationen oft stärker sind als die tatsächliche Korrelation zwischen Farbe und Geschmack, dass Bosnischer Kartoffelstrudel seinem Wiener Verwandten um nichts nachsteht und dass der nelkige Kubebenpfeffer so gar nichts mit dem Zitrus-Aroma der Sichuan-Pfefferkapseln gemein hat. Eine Schnitzel- und Melange-Verkostung suchen Einheimische wie Besucher aus anderen Bundesländern auf der Wiener Sinnestour vergebens, dafür gibt’s Interessantes über die Geschichte der Wiener Märkte zu erfahren und empfehlenswerte Shops wie das Curry me home, ein sympathisches Strudelhaus beim Hannovermarkt oder das gut versteckte Lichtenthaler Bräu zu erkunden. sinnestour6In den 44,- Euro, die eine Tour pro Person kostet, sind neben Mittagessen, Verkostungen und einer Einkaufstasche auch Produktproben für zuhause inkludiert. Wer sich zurück in den eigenen vier Wänden nicht entscheiden kann, was er damit zubereiten soll, der kann sich immer noch im Internet inspirieren lassen. Wie das mit dem anschließenden Genießen geht, weiß er ja bereits.

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Eine Frage der Essthetik.

15 Apr
Bild: © Sarah Krobath

Bild: © Sarah Krobath

Könnte es sein, dass der Großteil der Foodblogger schwerstens koffeinsüchtig ist? Hat Red Bull von Extremsportlern jetzt auf Foodblogger umdisponiert und eine langfristige Sponsoring Aktion gestartet, von der ich nichts mitbekommen hab? Oder warum sehen Fotos von hausgemachten Köstlichkeiten zunehmend so aus, als wären die Foodstylisten an Parkinson erkrankt? Hier kullern mehr Granatapfelkerne auf dem Geschirrhangerl herum als wahrscheinlich im  Smoothie gelandet sind, dort wurde ein ganzer Granola-Behälter quer übers Tischtuch gekippt – mit voller Absicht. Und manchmal muss sich sogar ein ganzes Küchlein zerkrümeln, um als Deko auf einer Holzplatte herzuhalten. Vielleicht startet Tastespotting ja demnächst den Ableger Tastespilling – die Galerie wäre sofort rand-, ach was, zum Überlaufen voll. Die Foodfotografie ist heute „wieder bei der Bescheuertheit der 80er Jahre angekommen“, motzte die Kaltmamsell zu Beginn des Jahres auf ihrem Blog und nicht nur sie wünscht sich endlich etwas Neues.

Gilt man überhaupt noch als Foodblogger, wenn man keine Mindestanzahl an Bröseln auf der Tischplatte oder eine Altkleiderwarensammlung an Geschirrtüchern zum Drapieren vorzuweisen hat? Wenn es nach David Leibovitz geht, dann ja – er hat es einmal so erklärt: „To be a food blog (or writer) doesn’t mean you have to just recount recipes; often it’s the stories associated with cooking, shopping, or feeding others that are richer than lists of ingredients and putting together a batch of chocolate chip cookies.“ Und obwohl auch er zu dem Schluss kommt, dass die Menschen heutzutage „sehr, sehr visuell orientiert“ sind, empfiehlt er schließlich: „Don’t let the props overwhelm the food.“ Tatsache ist, auf Foodblogs ohne Fotos stößt man ungefähr genauso selten wie in kulinarischer Wildbahn auf Foodblogger ohne Kamera. Und ein komplettes Kochbuch ganz ohne Bilder herauszubringen, da traut sich wohl selbst der mutigste Verlag nicht drüber – Illustrationen sind doch das Mindeste! Dabei lassen sich Gerichte so lebhaft beschreiben, dass du sie nicht nur vor deinem geistigen Auge siehst, sondern sie geradewegs zu riechen, spüren und zu schmecken glaubst. Erotikromane kommen schließlich auch ganz ohne Abbildungen aus – warum sollte das nicht genauso gut bei Food Porn funktionieren? Die Gegenbewegung zu romantischen, überkandidelten Bildern, bei denen Kontrast und Licht bis zum Anschlag hochgekurbelt wurden, folgt – wir kennen das aus der Kunstgeschichte – auf dem Fuße. Dimly Lit Meals For One ist nichts  beschönigender, auf nüchternen Magen fast schon zu ehrlicher Realismus pur. „Heartbreaking tales of when homecooking goes wrong and other musings on food“ lautet der Claim des Foodblogs, der von echten Menschen verbrannte, verkochte und in jedem Fall verschandelte Gerichte mit viel Humor zu Tage fördert. Zusammen mit zwei anderen „Grotty Food Photo Blogs“ ist er als Favorit auf der Observer Food Monthly Liste auf Platz 44 gelandet.

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Zwar nicht gegen Fotos aber ganz bewusst gegen Rezepte haben sich Lotta und Per-Anders Jorgensen bei ihrem FOOL Magazin entschieden – „in der italienischen Vogue findet man schließlich auch keine Schnittmuster“. Die beiden sehen die aktuelle Entwicklung ebenso realistisch wie gelassen: „Essensschnappschüsse bekommen auf Instagram nun mal mehr Likes als großartige Foodfotografie.“ Aber darum geht es dem sympathischen Herausgeber- und Ehepaar, das ich beim ersten Coolinary Talk kennenlernen durfte, auch gar nicht. Sie haben sich mit ihrem themenbasierten Magazin ein Herzensprojekt erfüllt und möchten darin nicht bloß die Geschichten von Chefköchen erzählen, sondern auch den restlichen Menschen hinter großartigem Essen eine Bühne bieten. Wenn das ihrer Meinung nach wie bei der Geschichte über Magnus Nilsson mit einer 24-seitigen Bildstrecke in Schwarz-Weiß oder sechs Seiten mit Enten-Portraits am besten funktioniert, werden diese auch so gedruckt. Genauso wie die beinahe komplett schwarze Doppelseite mit dem Titel September moonlight over Pantelleria in der aktuellen Italien-Ausgabe, deren Illustrationen im Übrigen (bis auf eine Ausnahme) ausschließlich aus italienischen Handgelenken geschüttelt worden sind. „Gastronomy needs to be taken seriously but with humor“, sind Lotta und Per-Anders überzeugt ­– ein Credo, das sich auch gut auf Foodfotografie umlegen ließe.

Von DIY zu EIY. Ein Plädoyer.

9 Mär
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Lass dich nicht täuschen, diese Mohnzelte ist NICHT selbstgemacht! Bild: © Sarah Krobath

Er hat vom Markt ihre Lieblingsmehlspeise mitgebracht. Sie freut sich wie ein kleines Kind. Beide mümmeln auf der Couch an ihren großzügig gefüllten Waldviertler Mohnzelten. Dann hat sie eine Idee: “Die müssen wir unbedingt einmal selber machen!” Und er versteht die Welt nicht mehr. “Warum sollten wir die selber machen, wenn es doch so gute zu kaufen gibt?” Pragmatisch wie immer. Kärntner halt. Aber unrecht hat er nicht.

Der Selbermachwahn hat seinen Höhepunkt erreicht, und nicht nur bei mir. Es gibt kaum ein kulinarisches Thema, dem sich nicht schon zig Kochbücher annehmen. Oder Kochkurse. Oder Koch-Apps. Blogs liefern Rezepte für handgemachte Süßigkeiten, selbstgemachtes Fastfood, ja sogar hausgemachtes ethnisches Essen. Die Liste der YouTube Tutorials zieht sich wie der Strudelteig und die asiatischen Nudeln, deren Zubereitung einem diese vom Abwiegen der Zutaten bis zum Servieren vorführen. Einige meiner Freunde aus der Foodblogger-Szene würden mich wohl eher ausladen, als mir etwas zu servieren, das sie nicht mit eigenen Händen geknetet oder gerührt haben. Ich selbst habe mich das eine oder andere Mal sagen hören „Was? Nein, die können nicht auf einen Kaffee vorbeikommen – ich hab ja keine Zeit zum Kuchenbacken!“.

Bevor meine Mama, in ihrer Pension ganz unverhofft das Backen für sich entdeckt hat, gab es bei uns, wenn Besuch kam, immer Nusstorte, Linzerschnitten und Erdbeertörtchen – „selbstgekauft!“ wie Mama stets stolz verkündete. Aber die gute Frau ließ sich nicht lumpen – die adrett nebeneinander auf Kartontassen geschlichtete süße Vielfalt stammte aus der besten Konditorei der Umgebung. Wer hat schon Zeit, selbst vier verschiedene Mehlspeisen zu backen, um seinen Gästen eine derart bunte Auswahl zu bieten.

Heute muss alles hausgemacht sein. Auch das Gekaufte. Vor allem das! Und unsere Sehnsucht nach Hausgemachtem wird erhört und gestillt. Mit Gugelhupf aus dem Hause Anker, mit Spar Premium Geflügelfond vermeintlich aus der Küche von Johanna Maier, aus der im Grunde nur das Rezept stammt ­­– angeblich. Und mit Sugo in Gläschen verschlossen mit rot-weiß-karierten Deckelchen, von der Nonna höchstpersönlich. Damit sich unsereins nicht komplett unfähig vorkommt, versorgt uns die Industrie obendrein mit Halbfertiggerichten, die wir mit ein paar Handgriffen verfeinern können und uns so wenigstens ein bisschen als Selbermacher fühlen, auch wenn sich unsere Rolle aufs Wasser Hinzufügen und Abschmecken mit beigelegten Gewürzen beschränkt.

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Selbstgenießen leicht gemacht. Bild: © Sarah Krobath

Versteht mich nicht falsch, selbst kochen und -backen ist toll und es schmeckt, insbesondere im Vergleich zu industriell Gefertigtem, um Längen besser – vielleicht auch weil man sich bewusst mit den Zutaten auseinandergesetzt hat und weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt. Aber ist hausgemacht deshalb unbedingt besser?

Der Bäcker im Waldviertel bäckt seine Mohnzelten seit Jahrzehnten, hat über die Jahre an dem Rezept gefeilt und sein Handwerk perfektioniert. Auch wenn ich mich anstrenge, die besten Bücher zum Thema verschlinge und mich von einem Tutorial zum nächsten klicke, besser werde ich die Mehlspeise aus Kartoffelteig nicht hinkriegen. Also begnüge ich mich mit etwas, das mindestens genauso wichtig ist wie das Selbermachen: das Selbergenießen. Nicht nur als Gast, sondern auch als Gastgeber – das klappt manchmal mit selbstgekauftem Essen eben besser. Und wir haben Glück, denn jeden Tag fühlen sich mehr Menschen dazu berufen, großartige Lebensmittel mit ihren eigenen Händen aus sorgfältig selbst ausgewählten Zutaten herzustellen. Sie backen Brot mit langer Teigführung und liefern es selbst an die Marktstände aus, bringen eine Marmeladen-Linie aus steirischen Früchten auf den Markt und kreieren liebevoll dekorierte Cupcake-Kunstwerke. Wäre doch schade, diese hausgemachten Köstlichkeiten zu verschmähen, weil man denkt, zu Hause selbst Hand anlegen zu müssen. Also, weniger von dem dauernden Do it yourself und mehr Enjoy it yourself!

Der erste Eindruck kann täuschen. Aber nicht der erste Bissen.

12 Feb
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Bild: © Sarah Krobath

Bauern tragen Karohemden. Eine Sennerin wird erst durch einen Haarzopf, zumindest aber ein Kopftuch zu ebendieser. Und Naturschützer lassen es auch am Kinn gerne unberührt sprießen. Vorurteile in ihrer reinsten Form. Auf das, was uns die Industrie als Sinnbild von „Ursprünglichkeit“ und „Naturverbundenheit“ auftischt, fällt heute doch keiner mehr rein! Solche Stereotypen erkennt man ja sofort! Schwieriger wird’s allerdings, wenn man eine echte Bäuerin oder einen richtigen Produzenten vor sich hat, so wie ich in einem Berggasthof in Kalabrien.

Gold, Silber und vermeintliche Modeschmuck-Diamanten baumeln vor meinem Gesicht hin und her und teleportieren mich quer durch die Zeit auf eine Schmuckmesse, zu der mich meine Mama mit Sechs mitgenommen hat. Ich bin verwirrt. Hab ich den Tagespunkt mit Goldschmieden und Juwelieren auf unserem vollgepackten Programm übersehen? Immerhin bin ich hier auf einer Studienreise mit der Universität der Gastronomischen Wissenschaften, um die kulinarischen und nicht etwa die modischen Eigentümlichkeiten Kalabriens zu erkunden. Mit Schmuck behangen wie ein Christbaum drapieren die feingliedrigen Hände der Dame vor uns den Präsentationstisch. Diese Choreographie performt sie nicht zum ersten Mal, denn jede Bewegung ihrer manikürten Finger passiert wie automatisch. Hypnotisiert von dem Überfluss an Schmuck und dem psychedelischen Muster auf ihrer Seidenbluse vergesse ich beinahe die atemberaubende Umgebung in 1.315 Metern Seehöhe, die den kleinen Gasthof umrahmt. Statt die Bergspitzen mit ihren Schneemützen rings um das grüne Plateau zu bestaunen, wunder ich mich: Was wird das Fräulein wohl gleich aus ihrer klobigen Designer-Tasche zaubern? Eine Flasche Gold-Glitter-Champagner aus Moscato Reben? Die kalabrische Variante von Beluga Kaviar? Womöglich einen schwarzen Edelstein aus einem Klumpen Lakritz geschliffen. Das glitzernde Treiben geht weiter und fördert Infofolder, Flyer, einen großen bunten Keramikteller und ein Bündel Gestrüpp zutage, die den kleinen Holztisch im Speisesaal unter sich begraben. Die schlanke Italienerin wirbelt ihren scharfkantigen schwarzen Bob von einer Seite ihres Gesichts auf die andere und wirft einen letzten skeptischen Blick auf ihre Kreation, bevor sie nach dem Slow Food Presidio Produkt greift, auf das wir alle gespannt warten – Lenticchia di Mormanno.

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Bild: @ Sarah Krobath

Linsen? Schnöde, braune, unscheinbare Hülsenfrüchte? Das bescheidenste aller Lebensmittel? „Fleisch für Arme“, wie es im 19. Jahrhundert genannt wurde? Wie sich herausstellt, ist die Frau, die ich für die PR-Lady einer Luxus-Genussmittel Firma gehalten habe, eine der wenigen Produzenten einer einheimischen, beinahe ausgestorbenen Linsensorte. Miss Fashionista, eine Bäuerin? Dann bin ich Nigella Lawson! Als ob eine Dame wie sie sich ihre Hände schmutzig machen würde. Wie soll man mit Fingernägeln wie die Schwester von Edward Scissorhands Leguminosen von Hand ernten, geschweige denn säen? Noch hingebungsvoller als der Nagelpflege scheint sie sich aber der Erhaltung der Biodiversität zu widmen. Engagiert will sie den fast vergessenen Schatz von seinem auf 900 Metern Seehöhe gelegenen Ursprungsort Mormanno zurück in die Köpfe und Töpfe der Menschen zu bringen. Die junge Frau erzählt uns wie sie und ihr Ehemann es mit einer kleinen Gruppe motivierter Leute geschafft haben, Samen von zwei Produzenten, die diese spezielle Linsensorte noch für den Eigenbedarf kultiviert hatten, zu retten. Diese zu pflanzen sei aber nicht genug gewesen, erst mussten noch längst in Vergessenheit geratene Anbau-Techniken reaktiviert werden. Nachdem ich ihre Geschichte vom Start des Projekts über das ermüdende Antragsverfahren bis zur Ernennung zum Slow Food Presidio verfolgt habe, funkeln meine Augen mit ihren Accessoires um die Wette. Ich bin begeistert, und beschämt. Da hab ich mich ganz schön täuschen lassen. Waren es die Silberkettchen um ihren Hals, von denen ich mich habe blenden lassen? Die Klunker auf ihren zarten Fingern? Oder doch das klischeehafte Bild von der Bäuerin mit Kopftuch und Kleiderschürze?

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Bild: © Sarah Krobath

Verärgert über mich selbst nehme ich an der langen rotkarierten Tafel Platz während die Linsen-Lady ihre Lieblingsrezepte mit uns teilt. In Gedanken presse ich Linsen zu Burgern, backe Kuchen mit Linsenmehl und fülle Pralinen mit einer Creme aus Hülsenfrüchten, bis mich ein dampfender Teller Linsensuppe zurück ins Hier und Jetzt holt. Automatisch greife ich nach meiner Kamera, halte dann aber inne. Ein Foto von diesem beigen Sumpf, auf dem zwei Inseln aus Röstbrot zwischen gelben Olivenöl-Spiralen treiben, würde es wohl nicht aufs Cover von Saveur schaffen, wahrscheinlich nicht mal auf ein experimentelles wie dem von Lucky Peach. Um der Dokumentation Willen mache einen schnellen Schnappschuss und tausche die Kamera gegen einen Silberlöffel. Im nächsten Moment purzeln kleine weiche Perlen über meine Zunge, dann findet die warme Suppe gefolgt von einer kribbelnden Pepperoncini-Schärfe und dem behaglichen Aroma von lange gekochtem Knoblauch den Weg in meinen Bauch. Schon wieder geblendet! Von der unspektakulären Erscheinung dessen, was mir als eines meiner Lieblingsessen während der gesamten Kalabrien-Reise in Erinnerung bleiben wird. Bevor ich meine Augen schließe, um den nächsten Löffel voll auszukosten, beobachte ich aufmerksam die Linsen-Lady wie sie mit dem ihren eine Röstbrot-Insel in ihrer Suppe versenkt. Dann mache ich dasselbe – mit meinem Brot und meinen Vorurteilen.

Hinweis: Inzwischen gelten die Lenticchie di Mormanno nicht mehr als Slow Food Presidio. Für die Etablierung eines Presidio-Projekts sind die Kooperation zwischen den Produzenten und das Einhalten von gemeinsamen Produktionsrichtlinien Vorraussetzung. Im Sommer 2013 wurde bekannt gegeben, dass das Projekt aufgrund von Spannungen innerhalb der Herstellergemeinschaft eingestellt wurde. An einer Wiederbelebung wird gearbeitet.

Das neue Vasten.

20 Jan
Bild: Diet Scale © Ji Lee

Bild: Diet Scale © Ji Lee

Nein, ich habe mich nicht vertan. Fasten schreibt man jetzt mit V. Mit V wie „vegan“. Passt, wie ich finde, auch gleich viel besser zu „Verzicht“ – in diesem Fall auf alles Tierische zugunsten des Pflanzlichen. Die vegane Ernährungsweise ist allgegenwärtig, wird vermarktet wie noch nie und unter Allesfressern geradezu als Inbegriff des Verzichts gehandelt. Kein Fleisch? stöhnen diese. Keine Eier? Nicht einmal Butter? schütteln selbst Vegetarier die Köpfe. Und dann auch noch Kuhmilch – den Kalziumlieferanten, dem wir seit der ersten Schulmilch die Bewahrung unserer Knochendichte anvertrauen – komplett weglassen? Dass ohne Butter auch das Honigbrot nicht mehr richtig schmeckt, ist nebensächlich, denn auch beim süßen Bienengold, bei dem es sich im Grunde um das Produkt von Blüten handelt, ist Abstinenz gefordert. Bienenarbeit! zetern strenge Veganer.
Vor Ostern 40 Tage lang Gründonnerstag spielen war gestern. Heute wird das Verzichten experimenteller aufgezogen. Glauben ist gut, ein individueller Selbstversuch ist besser. Thomas Weber von Biorama hat ihn gemacht, Katharina Seiser hat ihren so gut wie überstanden und darüber auf Esskultur berichtet und Melanie Kemper hat sogar einen eigenen Blog ins Leben gerufen, auf dem sie ihre Annäherung an den Vegan Way of Life dokumentiert.
Die erste natürliche Reaktion auf Verzicht ist immer die Suche nach einem Ersatz. Wenn beim Fasten kein Fleisch erlaubt ist, wird dieses eben in Fisch aufgewogen – bis ins 18. Jahrhundert war auch Biber genehm. Für Fleisch und Fisch springen meistens Sojaprodukte ein und die lassen sich wiederum von Hülsenfrüchten und Wurzelgemüse vertreten. Dieses Ersatzdenken ist zum einen ein gefundenes Fressen für die Gegner des Veganismus und lenkt zum anderen vom Potenzial der veganen Küche hinsichtlich Qualität und Genuss ab. Die Veganmania ist auch so ein Ablenkungsmanöver. Das Sommerfest möchte, der Name lässt es vermuten, Veganes zelebrieren und der breiten omnivoren Bevölkerung näherbringen. Meine Erwartung an das Speisenangebot der Veranstaltung: Eine vielfältige Gemüseküche, raffiniert gewürzt, mit Kräutern verfeinert und mit Nüssen und Samen texturmäßig aufgewertet. Stattdessen trieften die Stände vor frittiertem Fastfood, das auf vegan getrimmt worden war. Kebap, Burger, Hot Dogs Fleischbällchen, überwürzt – wohl um dem Tofu Aroma zu verleihen – und mit reichlich Zucker, als ob pflanzliche Speisen von Natur aus fad und grauslich wären. Obwohl ich zuhause hauptsächlich vegetarisch und häufig (unbeabsichtigt) vegan koche, ist mir bei den Gerichten dort wirklich etwas abgegangen. Nicht etwa Fleisch, auch keine Milchprodukte oder Eier, sondern guter Geschmack, natürliches Aroma und ganz klar der Genuss.
Ob sich wohl irgendjemand rein aus Genussgründen dazu entscheidet, vegan zu leben? kam die Frage beim gemeinsamen veganen Abendessen im Gourmet Gasthaus Freyenstein auf, zu dem Katharina Seiser im Zuge ihres Selbstversuchs geladen hatte. Angesichts des rein pflanzlichen Menüs, das Meinrad Neunkirchner, der Meister der Aromen, uns aufgetragen hatte, ein legitimer Gedanke. Bei dem Risotto vom Carnarolireis mit Schwammerln und Pimpernelle, das ganz ohne Butter und Parmigiano dank untergeschlagenem gefrostetem Olivenöl wunderbar cremig war, dem Ragout von Berglinsen mit (intensiv) geräuchertem und an Selchfleisch erinnerndem Chicorée und Taubnessel und der gefüllten Zwiebel mit Navetten, Löwenzahnsirup und Jus von Röstzwiebeln konnte von Verzicht keine Rede sein. Und auch wenn am Tisch schmunzelnd von den Augsburgern und dem Perlhuhn am regulären Menü phantasiert wurde, wie beim Fasten gefühlt hat sich bei den fünf Gängen aus einem Dutzend duftender Tellerchen und Schälchen keiner. Wer seinen eigenen veganen Selbstversuch starten will, der muss nur eines opfern und zwar seinen inneren Schweinehund.

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