Tag Archives: Bier

Zuckerschock ante portas.

9 Dez
Bild: © Sarah Krobath

Bild: © Sarah Krobath

Bald ist Halbzeit, bald steht Weihnachten vor der Tür – oder besser gesagt den Türen. Jenen der unzähligen prall gefüllten Adventskalender nämlich, mit denen uns die Industrie jedes Jahr aufs Neue die Wartezeit versüßt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Kalender mit hübschen Bildern, nachdenklich stimmenden Sprüchen oder philosophischen Zitaten sind Reliquien aus dem Jahre Schnee. Wenn schon Aphorismen, dann hoffentlich in Form einer Banderole, in die Schokolade oder Zuckerl gewickelt sind, besser aber auf Esspapier gekritzelt oder mit Zuckerguss auf Lebkuchen geschrieben – ein Gedicht! Weihnachten ist schließlich die Zeit der Be-Sinnlichkeit. Die einen zählen die Tage bis Heilig Abend, die anderen schon die Kalorien. Weiterlesen

Herbert, iss das!

29 Okt

Bild: © Marc Johns

Letztens in der U-Bahn sitzt mir eine Frau mit zwei Mädchen im Volksschulalter gegenüber. Die beiden haben jeweils einen Lutscher im Mund, der rastlos von einer Wange in die andere wandert. „Nach was schmeckt deiner?“, will die eine wissen, woraufhin ihr die andere generös ihren Lutscher entgegenstreckt. In diesem Moment schreitet die Mutter empört ein: „Nein! Wie grauslich – den hat sie ja schon im Mund gehabt!“. Da fährt die gute Frau mit den Kleinen zur Grippesaison mit der U-Bahn, stopft ihnen die Mäuler mit kariesfördernden Zuckerbällen und kriegt die Krise, wenn ihr Kind einmal über den Lutscher seiner besten Freundin schlecken will. Würde mich nicht wundern, wenn sich in ihrem keimfreien Badezimmer auch der Seifenspender mit Bewegungsmelder aus der Werbung findet, mit dem man seinem Kind in Nullkommanichts das natürliche Immunsystem aberziehen kann. Sauerkraut, Käse und Tofu hingegen dürften bei dieser Familie Hausverbot haben. Der triste Anblick ihres Kühlschranks wird wohl nur noch durch jenen ihres inhaltslosen Weinkellers getoppt. Neben Pilzen und Enzymen sind es schließlich in erster Linie Bakterien, die besagte Lebensmittel zu dem Genuss machen, der sie sind. Weiterlesen

Ned deppat: Bio-Bier aus Österreich.

29 Mai

© Jürgen Schmücking, biogenussmarketing

Ohne ein Fass aufmachen zu wollen: Mit dem im Unterhemd vorm Fernseher hockenden Edmund „Mundl“ Sackbauer hat der klassische Biertrinker wahrscheinlich mehr gemein als mit der Runde, die sich am 22. Mai im essen:z Kochstudio versammelt hat. Im Gegensatz zu den Teilnehmern des FiBL Tasting_forums unter dem Motto „Entdecke das Bier in dir“, greift der Durchschnitts-Biertrinker eher zu konventionellem als zu biologischem Bier. Nichtsdestotrotz gibt es immer mehr Brauereien, die gegen den Strom schwimmen und auf traditionelle Verfahren zurückgreifen. Durch die über 1000 Sorten, die in 180 österreichischen Brauereien erzeugt werden, konnten wir uns freilich nicht kosten, dafür schenkte uns Gusswerk Braumeister Reinhold Barta neben seinen Kreationen reinen Wein, pardon, reines Bier in Sachen Braukunst ein. Unter Anleitung von ihm, Reinhard Gessl und Jürgen Schmücking wurde eine Auswahl an biologischen obergärigen, untergärigen, Weiß- und Roggenbieren, Zwickl sowie Starkbieren von Gusswerk, Kapsreiter und aus den Brauereien Schlägl, Neufelden, Schrems, Weitra und Freistadt verkostet.

© Jürgen Schmücking, biogenussmarketing

Biobier schmeckt zwar nicht anders, wird aber aus Rohstoffen in Bioqualität ohne synthetische Hilfsmittel gebraut. Das kann durchaus ein paar Wochen länger dauern als bei industriell hergestelltem Bier, welches mithilfe von ebenso unnatürlichen wie unaussprechlichen Stoffen wie Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP) filtriert bzw. haltbar gemacht wird. Wirklich groß sind die Unterschiede allerdings erst im Vergleich zu biologisch-dynamischem Bier, dem sich weltweit überhaupt nur zwei Brauereien und ein einziger Hopfenbauer verschrieben haben. Weil es den österreichischen Mundls egal ist, ob auf ihrem Bier „demeter“ steht, sie aber die Kassiererin im Supermarkt, wenn sie dafür einen Euro mehr verlangt, fragen, ob sie ein bissl deppert ist, hat sich der Gusswerk Braumeister beim Großteil seiner Biere gegen eine Zertifizierung entschieden. Und das, obwohl er diese bereits seit sechs Jahren nach Demeter-Richtlinien braut. Ob konventionell, bio oder bio-dynamisch, Bier besteht zu rund 92 Prozent aus Wasser, aus Getreide wie Gerste, Roggen oder Weizen und aus Hopfen. Während das Getreidemalz dem Lieblingsgetränk der Österreicher seine Farbe verleiht, ist es vor allem der Hopfen, der sich erschnuppern und erschmecken lässt. Statt wie Gelegenheits-Biertrinker zwischen “schmeckt” und “schmeckt nicht” zu unterscheiden, nehmen geschulte Genießergaumen einmal (Vollbier) eine fruchtige Apfel- und ein andermal (Weißbier) eine Bananen- oder Gewürznote wahr. Reinhold Barta ist überzeugt, „ein Bier schmeckt immer so, wie es der Braumeister will“. Auch wenn der Salzburger nicht viel mit Magie und Esoterik am Hut hat, berücksichtigt er beim Brauen seines Biers die Mondphasen. Neben dem Meer, dem Verhalten von Tieren und meinem Schlafrhythmus scheint der Mond nämlich auch Einfluss auf die Aktivität der (Bio-)Hefen, die für die Gärung und den typischen Geschmack von Bier verantwortlich sind, zu haben. Der Vollmondparty von einer Million Hefezellen pro Milliliter Weißbier können wohl nicht einmal die grandiosen Feten in der Ottakringer Brauerei das Wasser reichen.

© Jürgen Schmücking, biogenussmarketing

Dass der Braumeister wiederholt von „Zeug“ spricht, hängt nicht mit dem zur späten Stunde vorangeschrittenen Bierkonsum zusammen, der Begriff stammt lediglich aus einer Zeit, in der noch nicht erforscht war, wie es durch die Hefe zur Gärung kommt. Wie beim Brotbacken mit Sauerteig wurde auch beim Bierbrauen immer ein wenig Zeug aufbewahrt und wiederverwendet, zum Teil auch heute noch. Nicht nur im Geschmack, auch in Sachen Vielfalt steht Biobier seinem konventionellen Pendant in nichts nach. Fruchtbiere und Exoten wie Ales oder Pale Ales setzen dem biologischen Angebot die Schaumkrone auf und spätestens bei Spezialitäten wie dem proseccoartigen „Cerevinum“, dem Dreifachbock „Horny Betty“ und dem 11,5-prozentigen Starkbier „Dies Irae“ wird jedem klar, dass das Glas der heimischen Biobier-Szene eindeutig halb voll ist. Die Zukunft lässt sich nun mal am besten mit Qualität und Umweltbewusstsein schön trinken.

Wie man auf höchstem Niveau tief ins Glas schaut.

2 Apr

Bild: © Graphicshunt.com

Verkostungen sind schwer im Trend. Doch während man sich scheinbar endlos durch verschiedenste Obst- und Gemüseraritäten, Gewürz- und Käsesorten kosten kann, dauert es bei Degustationen von Alkoholika nicht lange, bis man an seine Grenzen stößt. Die ersten mit edlem Rebensaft gefüllten Gläser werden noch enthusiastisch geschwenkt, andächtig beschnuppert und wie der Zaubertrunk von Mirakulix in kleinen Schlucken genippt, ein paar Runden später ist der Wissensdurst gestillt und es wird einfach nur noch getrunken. Feine Noten wie “fruchtig”, “blumig”, “würzig” oder “zitrusartig” sind wie weggespült und spätestens ab dem vierten Glas schmeckt jeglicher Inhalt, unabhängig von seinem Preis, einzig und alleine nach Wein. Dass dabei neben dem eigenen Urteilsvermögen auch der Genussfaktor ganz schnell verwässert, haben meine Kollegen und ich bei unserem Besuch in Vinopolis, dem Londoner Wein- und Spirituosen-Mekka, am eigenen Leib erfahren. Die Herausforderung: Sechs Weine, zwei Sorten Rum, zwei Whiskeys, zwei Biere – die sich später als Ales entpuppen sollten – zwei Arten Absinth und obendrein noch drei Bombay Sapphire Cocktails verkosten. Anfängliche Bedenken und uns von unseren Eltern eingetrichterte Regeln à la “Bier auf Wein, lass es sein” wurden sogleich mit einem italienischen Barolo und einem neuseeländischen Gewürztraminer hinuntergespült. Connaisseure, denen angesichts des Verkostungspensums das Wort “Ausspucken” auf der Zunge brennt, seien an dieser Stelle über die Abwesenheit von jeglichen Spuckbehältern in diesem über einen Hektar großen Disney Land des Hochprozentigen informiert. Abgesehen davon verbinde ich die Kombination Trinken-Spülen-Spucken eher mit einer Zahnarztpraxis als mit einem Weinkeller. Bei einer Verkostung erfährt man nicht nur etwas über das konsumierte Produkt, sondern vor allem über sich selbst. Ich zum Beispiel weiß jetzt, dass ich jungen Whiskey genauso abstoßend finde wie lange gereiften, dass Engländer und ich vollkommen verschiedene Vorstellungen von Bier haben und, dass Rum – sei es auch der beste aus Jamaika – für mich immer ein Mischgetränk bleiben wird. Vor allem aber habe ich gelernt, dass der Grad zwischen Degustation und Trinkgelage ein schmaler ist und er sich am besten mit einer nahrhaften Unterlage beschreiten lässt. Ein paar spanische Oliven machen nämlich das Kraut nicht fett und den Alkohl nicht weniger wirksam. Vielleicht hätten wir das im Anschluss geplante Abendessen lieber vorziehen sollen – oder einfach unsere eigenen Trinkgefäße aus Amethyst einschleusen. Immerhin waren die alten Griechen der Überzeugung, die Rottöne von Wein (griechisch: méthy) und Stein würden sich gegenseitig und damit auch die alkoholisierende Wirkung aufheben. Aber Damenspitz hin oder her, unser einstimmiger Favorit unter den edlen Tropfen aus aller Welt war jedenfalls ein deutscher Riesling. Der “Reichsgraf von Kesselstatt Riesling Kabinett” ist abgesehen vom Londoner Vinopolis online über die Website des Weinguts erhältlich – für den Fall, dass ihn jemand verkosten oder einfach nur trinken möchte.

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