Tag Archives: hausgemacht

Von DIY zu EIY. Ein Plädoyer.

9 Mär
Image

Lass dich nicht täuschen, diese Mohnzelte ist NICHT selbstgemacht! Bild: © Sarah Krobath

Er hat vom Markt ihre Lieblingsmehlspeise mitgebracht. Sie freut sich wie ein kleines Kind. Beide mümmeln auf der Couch an ihren großzügig gefüllten Waldviertler Mohnzelten. Dann hat sie eine Idee: “Die müssen wir unbedingt einmal selber machen!” Und er versteht die Welt nicht mehr. “Warum sollten wir die selber machen, wenn es doch so gute zu kaufen gibt?” Pragmatisch wie immer. Kärntner halt. Aber unrecht hat er nicht.

Der Selbermachwahn hat seinen Höhepunkt erreicht, und nicht nur bei mir. Es gibt kaum ein kulinarisches Thema, dem sich nicht schon zig Kochbücher annehmen. Oder Kochkurse. Oder Koch-Apps. Blogs liefern Rezepte für handgemachte Süßigkeiten, selbstgemachtes Fastfood, ja sogar hausgemachtes ethnisches Essen. Die Liste der YouTube Tutorials zieht sich wie der Strudelteig und die asiatischen Nudeln, deren Zubereitung einem diese vom Abwiegen der Zutaten bis zum Servieren vorführen. Einige meiner Freunde aus der Foodblogger-Szene würden mich wohl eher ausladen, als mir etwas zu servieren, das sie nicht mit eigenen Händen geknetet oder gerührt haben. Ich selbst habe mich das eine oder andere Mal sagen hören „Was? Nein, die können nicht auf einen Kaffee vorbeikommen – ich hab ja keine Zeit zum Kuchenbacken!“.

Bevor meine Mama, in ihrer Pension ganz unverhofft das Backen für sich entdeckt hat, gab es bei uns, wenn Besuch kam, immer Nusstorte, Linzerschnitten und Erdbeertörtchen – „selbstgekauft!“ wie Mama stets stolz verkündete. Aber die gute Frau ließ sich nicht lumpen – die adrett nebeneinander auf Kartontassen geschlichtete süße Vielfalt stammte aus der besten Konditorei der Umgebung. Wer hat schon Zeit, selbst vier verschiedene Mehlspeisen zu backen, um seinen Gästen eine derart bunte Auswahl zu bieten.

Heute muss alles hausgemacht sein. Auch das Gekaufte. Vor allem das! Und unsere Sehnsucht nach Hausgemachtem wird erhört und gestillt. Mit Gugelhupf aus dem Hause Anker, mit Spar Premium Geflügelfond vermeintlich aus der Küche von Johanna Maier, aus der im Grunde nur das Rezept stammt ­­– angeblich. Und mit Sugo in Gläschen verschlossen mit rot-weiß-karierten Deckelchen, von der Nonna höchstpersönlich. Damit sich unsereins nicht komplett unfähig vorkommt, versorgt uns die Industrie obendrein mit Halbfertiggerichten, die wir mit ein paar Handgriffen verfeinern können und uns so wenigstens ein bisschen als Selbermacher fühlen, auch wenn sich unsere Rolle aufs Wasser Hinzufügen und Abschmecken mit beigelegten Gewürzen beschränkt.

Image

Selbstgenießen leicht gemacht. Bild: © Sarah Krobath

Versteht mich nicht falsch, selbst kochen und -backen ist toll und es schmeckt, insbesondere im Vergleich zu industriell Gefertigtem, um Längen besser – vielleicht auch weil man sich bewusst mit den Zutaten auseinandergesetzt hat und weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt. Aber ist hausgemacht deshalb unbedingt besser?

Der Bäcker im Waldviertel bäckt seine Mohnzelten seit Jahrzehnten, hat über die Jahre an dem Rezept gefeilt und sein Handwerk perfektioniert. Auch wenn ich mich anstrenge, die besten Bücher zum Thema verschlinge und mich von einem Tutorial zum nächsten klicke, besser werde ich die Mehlspeise aus Kartoffelteig nicht hinkriegen. Also begnüge ich mich mit etwas, das mindestens genauso wichtig ist wie das Selbermachen: das Selbergenießen. Nicht nur als Gast, sondern auch als Gastgeber – das klappt manchmal mit selbstgekauftem Essen eben besser. Und wir haben Glück, denn jeden Tag fühlen sich mehr Menschen dazu berufen, großartige Lebensmittel mit ihren eigenen Händen aus sorgfältig selbst ausgewählten Zutaten herzustellen. Sie backen Brot mit langer Teigführung und liefern es selbst an die Marktstände aus, bringen eine Marmeladen-Linie aus steirischen Früchten auf den Markt und kreieren liebevoll dekorierte Cupcake-Kunstwerke. Wäre doch schade, diese hausgemachten Köstlichkeiten zu verschmähen, weil man denkt, zu Hause selbst Hand anlegen zu müssen. Also, weniger von dem dauernden Do it yourself und mehr Enjoy it yourself!

A tavola con il mondo.

5 Dez
Bild: © Sarah Krobath

Bild: © Sarah Krobath

Südkorea schwenkt andächtig das satte Rot in seinem Weinglas, Kanada plaudert mit Singapur, die Schweiz lässt Österreich von ihrer Vorspeise naschen und Japan gratuliert Puerto Rico nachträglich zum Geburtstag während Finnland großzügig frischen Parmesan über Teller voller Pasta hobelt. Das erste gemeinsame Essen mit meinen Uni-Kollegen, bei dem ich vor knapp zwei Wochen jeden Bissen und Schluck genossen habe, war zweifelsohne einzigartig – das einzige sollte es allerdings nicht bleiben. Bei 27 Mitstudenten aus 17 verschiedenen Ländern macht das Esskultur- und Kommunikations-Studium zwischen zwei Vorlesungen keine Mittagspause. Statt Wurstbroten und Nutellasemmeln wechseln Ratatouille und Kimchi die wissenshungrigen Besitzer, wird am Schulweg über Reiskocher und Pastamaschinen diskutiert und nach Feierabend Nachhilfe in exotischen Lebensmitteln und deren eigentümlichen Bezeichnungen gegeben. Weiterlesen

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 414 Followern an