Schlagwort-Archiv: Lebensmittel

Die To-Eat-Liste ist gegessen.

14 Nov

Bild: © worldmarket.com

Sushi, Fried Chicken, Thai Food, Finnischen Honig, Asian Cuisine und noch eine ganze Reihe anderer Köstlichkeiten stand bei meinen zukünftigen Studienkollegen auf der To-Do-, pardon, To-Eat-Liste vor ihrem Umzug nach Bra. Henkersmahlzeit, oder wie? Dabei ist es nicht gerade so, als ob wir das kommende Jahr im kulinarischen Exil verbrächten. Weinberge, Trüffelwälder, ganze Kleinstädte aus Gewächshäusern – ein Spaziergang durch die idyllische Umgebung im Piemont macht Appetit. Schon beim morgendlichen Joggen feuern einen die überall aus der Erde lugenden leuchtend grünen Salat- und bordeauxfärbigen Radicchioköpfe an und erinnern einen an das eigentliche Ziel der sportlichen Ertüchtigung: das Frühstück. Auf den Marktständen posieren Parmigiano Reggiano-Laibe und glubscht einen frischer Mozzarella aus zugezwirbelten Plastikbeuteln an. Neben frischem Fisch und Meeresfrüchten kandidieren Pasta fresca, Gemüse der Saison und Salsiccia di Bra fürs Mittagessen. Lässt man den Tag dann abends in einer Bar bei einem gemütlichen Aperitivo ausklingen, findet man am Tresen kaum Platz, weil jeder Zentimeter von großen Tellern besetzt ist, auf denen sich Foccacia, Formaggio, Salame, Tatar, Oliven und Tomaten türmen.

Bild: © Sarah Krobath

In dieser lukullischen Umgebung werden wir ab Ende November an der Universität für Gastronomische Wissenschaften das studieren, was uns den ganzen Tag durch den Kopf geht, uns Schmetterlinge – oder eher Raupen Nimmersatt – in den Bauch zaubert und unsere Herzen höher schlagen lässt. Liebe? Fast. Esskultur! Und damit irgendwie doch wieder Liebe. „Food is love“, war auf dem Blog einer finnischen Mitstudentin kürzlich zu lesen, nachdem sie sich durch das Schlaraffenland der Terra Madre gekostet und auf der Slow Food-Messe in Turin andere Studenten der Universität kennengelernt hatte. Freundschaften schließt man in diesem herzlichen Umfeld so schnell wie früher im Sandkasten – nur eben bei einem Glas Barolo und einem Stück Castelmagno oder hauchdünn aufgeschnittenem Prosciutto statt Sandkuchen. „People who love to eat are always the best people.“ Das Zitat stammt von Julia Child und ich bin mir sicher, hätte es die Universität damals schon gegeben, die gute Frau hätte in Paris ihre Töpfe und Pfannen gepackt und sich an ihr eingeschrieben.

Bild: © Sarah Krobath

Vor uns liegt ein Jahr, in dem sich alles um gute Lebensmittel dreht – wie sie riechen, wie sie schmecken und wie sie produziert werden. Darüber, was ich in Wien unbedingt noch essen muss, habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Das letzte, das ich vor meiner Abreise um halb Fünf Uhr morgens verspeist habe, war ein Stück Schwarzbrot, das eine benachbarte Bäuerin gebacken hat, mit Butter und der selbstgemachten Zwetschgenmarmelade meiner Mama. Meine Lieblinge aus der Steiermark habe ich kurzerhand nach Italien exportiert: Kürbiskernöl, Apfelessig aus einem Fass von meinem Papa und Käferbohnen, Käferbohnen, Käferbohnen. Übers Heimweh hilft mir das Kochbuch „Österreich vegetarisch“ hinweg und die Zutaten für den Kaiserschmarrn, mit dem ich meine italienischen WG-Kollegen überraschen möchte, finden sich auch hierzulande in jedem Supermarkt. Soviel steht fest: Wenn ich so etwas wie eine To-Eat-Liste brauche, dann für die nächsten zwölf Monate.

Vier Tage Keimzeit und kein Todesfall.

19 Aug

Bild: © Sarah Krobath

Horatio Caine kann mit seinem CSI-Team gerne meinen Keller auf den Kopf stellen. Dort wird er keine Leichen finden. Für den Fall, dass er jedoch einen Blick in meinen Biomüll riskiert, plädiere ich auf unzurechnungsfähig. Auf die Frage, welches denn meine Lieblingsblumen sind, gibt es nur eine Antwort: „pflegeleichte“. Das scheint sich inzwischen herumgesprochen zu haben – vielleicht ist es aber auch reiner Zufall, dass ich  von Freunden nie gebeten werde, während ihres Urlaubs ihren Balkongarten zu gießen. So fürsorglich wie ich regelmäßig meinen Kühlschrank überfüttere, mein Gewürzregal aufstocke und meine Kochbücher nach Alphabet, Umfang und manchmal auch nach Farben sortiere, so nachlässig bin ich bei Angelegenheiten, die eine tägliche Routine erfordern. Nicht nur, dass jedes meiner Tamagotchis frühzeitig ins pixelige Gras gebissen hat, ich habe auch noch eine ganze Reihe Hermanns auf dem Gewissen. Erinnert sich noch jemand an den Kuchen aus Sauerteig, den man täglich mit Mehl, Zucker und Milch füttern musste, um ihn nach zehn Tagen endlich zu backen? Der Hermann ist quasi der Kettenbrief unter den Kuchen – einer setzt den Teig an, päppelt ihn zur doppelten Menge auf, teilt und verschenkt ihn. Bei mir haben Hermanns eine ähnlich geringe Lebenserwartung wie Orchideen oder Minzepflänzchen. Das ignorierten meine Freundinnen allerdings, beglückten mich weiterhin und lösten damit eine regelrechte Mordserie aus. Ich hatte mich schon fast mit meinem Schicksal abgefunden – Alles, was König Midas anfasste, wurde zu Gold. Was ich anfasse, wird eben zu Biomüll. – als mir eine Freundin ein Päckchen mit Alfalfa-Samen, auch Luzerne genannt, schenkte.

Bild: © Sarah Krobath

Da ich keinen Sprossenkultivator  besitze – zu versagen ist eine Sache, es trotz des besten Equipments zu tun, eine ganz andere – habe ich die Samen kurzerhand in ein Honigglas aus meiner hauseigenen Altglassammlung einquartiert. „Einen Teelöffel Samen sechs Stunden in Wasser einweichen und dann jeden Tag morgens und abends einmal mit frischem Wasser spülen – das ist deppensicher“, war mir gesagt worden. „Todsicher“, dachte ich. Am zweiten Tag wollte ich schon den Leichensack, pardon, Biomüllbeutel auspacken, als mir bewusst wurde: Das Glas ist halb voll! Die kleinen Keimlinge, die sich bereits nach dem ersten Tag zu erkennen gaben, hatten nicht nur überlebt, sie waren sogar gewachsen. Am dritten Tag war das Honigglas so überfüllt wie es die heimischen Schwimmbäder während einer Hitzewelle sind und ich musste die Hälfte der Sprossen in ein zweites Glas übersiedeln. Eben noch der Müll-Midas, kam ich mir vor wie das Mädchen aus dem Märchen mit dem Topf, der endlos Brei kocht.

Bild: © Sarah Krobath

Zum Glück sind Sprossen sehr umgänglich – sie fühlen sich auf dem Butterbrot gleich wie zuhause, machen als Topping auf Salat und Gemüsegerichten eine gute Figur und mischen sich gerne in Smoothies unter andere Zutaten. Obendrein stecken sie auch noch voller Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente und helfen unserem Stoffwechsel und Immunsystem auf die Sprünge. Sprießen lassen kann man unterschiedlichstes Saatgut – von Gemüse wie Radieschen, über Hülsenfrüchten wie Mungobohnen oder Kichererbsen, bis hin zu Getreidesorten, Ölsamen und sogar Gewürzen. Sie gedeihen das ganze Jahr über und auch ganz ohne grünen Daumen. Ab sofort gibt es in meiner Küche täglich selbstgezogene frische Sprossen – Lebensmittel statt Tote.

 

Kaufen kann man Saatgut zum Keimen in Reformhäusern, Naturkostläden oder beim Gärtner seines Vertrauens. Angaben zum Einweichen und Keimen lassen gibt’s hier.

Guten-Appetit-Geschichten.

5 Jun

Bild: Carl Warner © Food Landscapes

Es ist kurz nach Acht Uhr am Abend und ich erzähle Geschichten. Sie handeln nicht von puppengesichtigen Prinzessinnen mit langem güldenen Haar und funkelnden Kristallschuhen, auch wenn es scheint, als würden sich auf der heutigen Veranstaltung ein paar die Ehre geben. Statt in Pfefferkuchenhäuschen und rot bepinselten Rosengärten spielen besagte Geschichten auf der Alm und in feuchten Kellern. Der gehfaule Prinz darf auf seinem Schimmel sitzen bleiben und kann das Schwert stecken lassen. Es gilt keinen Drachen zu bekämpfen – lassen Sie sich von der schnaubenden Bardame nicht täuschen – und keine Schlacht zu schlagen, von der am Buffet einmal abgesehen. Die Helden der Geschichte sind nicht blaublütig, in ihren Adern fließt Rohmilch. Ihr ahnt es, ich erzähle über Käse. Ein daumenlutschendes Kind kann man damit freilich nicht den rotäugigen Monstern unter seinem Bett zum Trotz in den Dämmerschlaf quasseln. Bei den anwesenden Damen und Herren, die selig an ihren Weingläsern nuckeln, klappt das ganz gut. Bis ein Zuhörer am Buffet aus der Reihe tanzt. „Und?“ Was und? Wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute. Und wenn der 16 Monate gereifte Bergkäse, der im Sommer von einer Sennerin auf einer Alpe im Bregenzerwald aus Kuhrohmilch hergestellt worden ist, nicht von dem vorwitzigen Herren verspeist wird, dann von der mahnend mit dem Fuß tippenden Dame hinter ihm. Ich hätte mir natürlich schnell etwas aus den Fingern saugen und ihm ein Märchen auftischen können. Von den Kühen Ella, Emma und Elisa, die unfreiwillig Zeugen der Romanze zwischen der jungen Sennerin und dem verwitweten Kuhbauern werden. Bestimmt hätte er es genau wie die zehn vorangegangenen Kostproben geschluckt. Lassen wir uns inzwischen lieber Heimatfilme nacherzählen, statt unseren Geschmacksnerven zu vertrauen? Offenbar ja, sonst müssten die Lebensmittel im Kühlregal nicht mit Bezeichnungen wie „Heumlich“ oder „Bergbauernbutter“ um die Gunst des Konsumenten buhlen. Geschmacksache war gestern, heute punktet die bessere Geschichte. Gibt es auf dem Markt schon so viel als Lebensmittel getarnten Müll, dass das, was irgendwann einmal ganz selbstverständlich war, heute als Zusatznutzen ausgelobt werden muss? Wo ist er denn, der liebe Hausverstand, wenn der verstörte Verbraucher seine Milch nach den Blümchen, die auf der Verpackung sprießen, auswählt? Wahrscheinlich auf irgendeinem Bauernhof beim Dreh des nächsten Werbespots. Natürlich sollte man wissen, was man isst. Im besten Fall auch den Menschen dahinter kennen. Aber wer ohne Märchen einschlafen kann, sollte auch fähig sein, sein Käsebrot ohne sie zu genießen.

Neueröffnung: Restaurant „Zum eigenen Herd“.

13 Okt

Den Appetit holt man sich woanders aber gegessen wird zuhaus. Zack, geradewegs wird man in die erste Reihe einer 90er-Jahre-Talkshow über imaginäre Seitensprünge katapultiert. Weil das pikante Thema Fremdgehen von Berufsstreithähnen wie Arabella oder Türk aber schon mehrfach zu Tode diskutiert wurde, widme ich mich lieber dem „Fremdessen“. Will man sich belohnen oder einfach etwas Gutes tun – von einem Seitensprung mal abgesehen – gönnt man sich einen Besuch in einem guten Restaurant. Darauf wird gerne auch mal ein paar Wochen gespart. Aber wozu eigentlich? Damit man in edlem Ambiente kleine Kunstwerke aufgetischt bekommt, die dem Aufgebot an auf Hochglanz polierten Esswerkzeugen mengenmäßig klar unterlegen sind? Weil dort gutes Essen aus guten Zutaten serviert wird, möchte man meinen. Aber isst man im Restaurant wirklich etwas Besseres? Fleisch-Importe aus Asien und Fernsehreportagen über Burn-out gefährdete Hygiene-Kontrolleure erzählen eine andere Geschichte. Kein Wunder, dass Secret Dining und Guerilla Cooking geradezu boomen und immer mehr selbsternannte Gastronomen in den eigenen vier Wänden Gäste bekochen. Die meisten Küchenchefs tun dies bekannterweise auch nur mit Wasser und die Lebensmittel im eigenen Kühlschrank stehen denen in der Gastronomie um nichts nach. Wer sich einen Großmarkt als überdimensionalen Billa ums Eck vorstellt, wird spätestens von der fehlenden Bio-Abteilung zurück in die Realität geholt. Es soll zwar Gastronomen geben, die sich die Mühe machen, ihre Bio-Zutaten direkt bei Erzeugern aus der Region zusammenzusammeln und sich die jährlichen Kosten einer Bio-Zertifizierung leisten können – die muss man aber suchen. Inzwischen gilt es ja schon als naiv, wenn man in einem Wiener Gasthaus ein niederösterreichisches oder wenigstens rot-weiß-rotes Hendl erwartet. Beim Frühstücksei lässt sich die Herkunft noch einfach feststellen, auf Panier und Käsekruste sucht man einen Zahlencode aber vergebens. Weil wir nun mal keine Nahrungsmittel, sondern Mahlzeiten, mehr oder weniger raffinierte Gerichte und am liebsten unsere Leibspeisen essen, spielt neben hochwertigen Zutaten natürlich auch deren Zubereitung eine wichtige Rolle. Ein Grund mehr, sich hin und wieder mit dem Luxus eines selbstgekochten Festmahls zu belohnen – schließlich kennt keiner den eigenen Geschmack so gut wie man selbst. Wer beim Kochen gerne Gesellschaft hat, der besucht am besten eine „Openkitchen“ oder organisiert gleich seine eigene. Für die Zutaten ist man selbst verantwortlich, für Kochausstattung, nette Bekanntschaften und jede Menge Spaß ist gesorgt. Ob in Gesellschaft oder allein, ich werde ab sofort auf jeden Fall wieder öfter zu Gast im Restaurant „Zum eigenen Herd“ sein.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 388 Followern an