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Herbert, iss das!

29 Okt

Bild: © Marc Johns

Letztens in der U-Bahn sitzt mir eine Frau mit zwei Mädchen im Volksschulalter gegenüber. Die beiden haben jeweils einen Lutscher im Mund, der rastlos von einer Wange in die andere wandert. „Nach was schmeckt deiner?“, will die eine wissen, woraufhin ihr die andere generös ihren Lutscher entgegenstreckt. In diesem Moment schreitet die Mutter empört ein: „Nein! Wie grauslich – den hat sie ja schon im Mund gehabt!“. Da fährt die gute Frau mit den Kleinen zur Grippesaison mit der U-Bahn, stopft ihnen die Mäuler mit kariesfördernden Zuckerbällen und kriegt die Krise, wenn ihr Kind einmal über den Lutscher seiner besten Freundin schlecken will. Würde mich nicht wundern, wenn sich in ihrem keimfreien Badezimmer auch der Seifenspender mit Bewegungsmelder aus der Werbung findet, mit dem man seinem Kind in Nullkommanichts das natürliche Immunsystem aberziehen kann. Sauerkraut, Käse und Tofu hingegen dürften bei dieser Familie Hausverbot haben. Der triste Anblick ihres Kühlschranks wird wohl nur noch durch jenen ihres inhaltslosen Weinkellers getoppt. Neben Pilzen und Enzymen sind es schließlich in erster Linie Bakterien, die besagte Lebensmittel zu dem Genuss machen, der sie sind. Sie wandeln Zucker in Milchsäure um und machen damit Gemüse wie Sauerkraut länger haltbar, was früher besonders wichtig war, weil man es so für den Winter konservieren konnte. Am Froihof in den steirischen Fischbacher Alpen wird Kraut übrigens noch heute mehrere Monate traditionell in der Krautgrube eingelagert und zu Grubenkraut vergoren.

Bild 1: © Froihof, Bild 2: © Sarah Krobath

Bakterien verleihen den unterschiedlichsten Sorten von Käse ihren charakteristischen Geschmack, machen Sauerteigbrot so locker und aromatisch, Milchprodukte leichter verdaulich und die Herstellung von Wein und Bier überhaupt erst möglich. Ohne Bakterien könnten wir beim Japaner keine Misosuppe aus vergorenen Sojabohnen löffeln und beim Italiener keine Salamipizza schmausen. Sie machen Lebensmittel leichter verdaulich und schützen unseren Körper vor Krankheitserregern, vor allem aber sorgen sie für einen unvergleichlichen Geschmack. Das Zauberwort lautet Fermentation. Sandor Katz hat diesem Prozess mit „The Art of Fermentation“ ein ganzes Buch gewidmet, Michael Pollan das Vorwort dazu geschrieben. Sein eigenes Sauerkraut herzustellen sei, so Pollan, “nichts anderes, als sich mit der Welt zu befassen, oder viel mehr mit mehreren verschiedenen Welten, jede in einer anderen verschachtelt: die unsichtbare Welt von Pilzen und Bakterien; die Gemeinschaft, in der du lebst; und das industrielle Lebensmittelsystem, das die Gesundheit unserer Körper und jene von Grund und Boden unterminiert.” Dafür, dass wir selbst zu etwa zwei Kilo aus Bakterien bestehen, haben wir Menschen ganz schön viel Angst vor ihnen. Auf der einen Seite lassen wir uns den probiotischen Joghurtdrink eines multinationalen Konzerns als Zaubertrank verkaufen, auf der anderen betteln wir beim kleinsten Kratzen im Hals um Antibiotika, die mit den gefährlichen wie auch den „guten“ Bakterien in unserem Körper kurzen Prozess machen. Sollte es heutzutage nicht eigentlich genügen, prophylaktisch ein paarmal die Woche das Sonderangebot von der Fleischtheke im Supermarkt zu verzehren? Immerhin werden 50 % der in Europa verschriebenen Antibiotika an Tiere verfüttert, laut Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) werden davon in Österreich in der Veterinärmedizin 60 Tonnen jährlich verkauft. Nicht nur, dass diese Medikamente dafür sorgen, dass Masttiere selbst die verheerendsten Haltungsbedingungen überleben, um immer schneller zu wachsen, sie fördern obendrein die Verbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien. Da hat der hypochondrische Herbert aus der Fernsehwerbung was, wovor er sich wirklich fürchten kann. Wie man sieht, darf man nicht alle Bakterien in einen Topf werfen. Was Milchsäurebakterien, Hefen und Edelschimmelpilze betrifft, bleibt jedenfalls nur zu sagen: Herbert, iss das!

Allen ist schlecht – und das ist auch gut so.

28 Aug

Langsam essen, jeden Bissen zwanzigmal kauen und es sich lieber zwei-, nein dreimal überlegen, ob man ihn dann wirklich schon hinunterschlucken will. Wer langsam isst, ist schneller satt, fällt von der Frühstücksmüdigkeit nicht gleich ins Suppenkoma und hat obendrein mehr Zeit zum Genießen. Ernährungsapostel und Diätgurus sind sich deshalb einig: Langsam Essen ist gesund. Aber leider bei weitem nicht so unterhaltsam wie schnell Essen. Und erst recht nicht so spektakulär wie um die Wette Essen.

Bild: Flickr © Yeonsang

Mit dem Essen spielt man nicht? Stimmt, aber hier geht es auch nicht um Buchstabensuppen-Scrabble, sondern „competitive eating“ und das hat in Amerika wie auch in Japan nicht nur lange Tradition als Sport, sondern gilt auch als legitimer Weg, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das Prinzip ist einfach und dürfte auch außerhalb von Großfamilien, in denen das Miteinander-Essen öfter mal zum Gegeneinander-Essen eskaliert, geläufig sein: In einer vorgegebenen Zeit von 8, 10, 12 oder, für geübte Futterneider, 15 Minuten muss so viel wie möglich gegessen werden – ohne sich zu übergeben, versteht sich. Fragt sich nur: wovon? Hier ein paar Vorschläge zum Sattessen und weit darüber hinaus:

 Die Klassiker: Bei amerikanischen Wettessen kommt vor allem Fastfood auf den Tisch – was schon so heißt, muss man ja quasi in Bestzeit verputzen können. Also werden Hamburger gequetscht, Hot-Dogs in Cola getunkt (in Fachkreisen auch als „Dunking“ bekannt) und Chickenwings im Akkord abgenagt. Wenn also die nächste Heißhungerattacke auf Junk Food kommt, einfach schnell ein Wettessen ausrufen – Sündigen mit Ziel und Ambition sozusagen.

 Die Gesunden: Küchengeräte müssen nicht schön, Sport-BHs nicht sexy und Wettessen müssen sicher nicht gesund sein. Trotzdem gibt es im Obst und Gemüseregal ein paar Anwärter für das Massenfutterfassen. Wozu eine einwöchige Sauerkrautkur machen, wenn für dieselbe Menge schon 10 Minuten reichen? An apple a day keeps the doctor away? Dann ist Apfelmuswettessen ja wohl alles andere als krank. Eventuell lässt sich das Ganze ja auch pädagogisch einsetzen, dann gibt es statt dem ungeliebten Spinat eben einen spannenden Popeye-Wettkampf.

 Die Internationalen: In 80 Tellern um die Welt? Kein Problem! Mit schwedischem Köttbullar, mexikanischem Chili con Carne und chinesischen Wan Tans wird das Wettessen im Magenumdrehen zum kulturellen Ereignis. Will man im Anschluss noch einen Fuß in sein Lieblingsurlaubsland setzen, sollte man von dessen Spezialität jedoch lieber die Finger lassen. Wo ein Wettesswille ist, ist auch ein Weg und der führt nach Ladenschluss geradewegs zum Türken ums Eck. Netter Nebeneffekt: Wer kiloweise Hummus und Fladenbrot kauft, bekommt beim nächsten Besuch sicher Stammkundenrabatt.

 Die Süßen: Hauptgericht und Nachspeise in einem – der Kaiserschmarren ist geradezu prädestiniert für einen Esswettbewerb. Begeisterte Wintersportler sind hier aufrund von jahrelangem Skihüttentraining allerdings klar im Vorteil. Beim Wettessen gilt: Kauen ist gut, aber löffeln ist besser – und da ist Pudding einfach unschlagbar. Vanille oder Schoko? Das hängt ganz vom gewünschten Ekelfaktor ab. Zu guter Letzt noch eine Herausforderung speziell für die momentan herrschenden Temperaturen: Eiscreme schneller essen als sie schmilzt!

Also, an die Teller, fertig los!

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