Tag Archives: Wein

We don’t need no (wine) education?

25 Okt
Image

Bild: © Sarah Krobath

„Also, ganz ehrlich, mich hat der Eisenberg an Tequila erinnert“, outet sich eine junge Dame in Schwarz schmunzelnd als Newcomerin in Sachen Wein. Wie die meisten Einsteiger bevorzuge sie süßere, fruchtbetonte Weine, der Gelbe Muskateller von Lackner-Tinnacher habe ihr jedenfalls ganz gut geschmeckt. Der Weg von Bacardi und diversen anderen Barmixgetränken zum Wein ist ein steiniger, weiß Christoph Wachter. Der 24-jährige Winzer aus dem Südburgenland ist ihn selbst gegangen und hat erst über einen Umweg zum familieneigenen Weingut Wachter-Wiesler, das er heute mit der Unterstützung seiner Eltern leitet, zurückgefunden und seine Begeisterung für regionstypische Rotweine entdeckt. Von der möchten sich auch die zwanzig Mittzwanziger anstecken lassen, die sich um zwanzig, na gut, um neunzehn Uhr im Wein & Co in der Mariahilfer Straße eingefunden haben, um sich von zwei Jungwinzern in die Weinwelt einführen zu lassen. Weiterlesen

Die italienische Variante von Dinner-Cancelling.

15 Aug
Bild: © Sarah Krobath

Bild: © Sarah Krobath

„Das glauben sie wirklich?“, fragt mich meine italienische Mitbewohnerin ungläubig und starrt mich dabei so entgeistert an, als wolle ich ihr weismachen, dass wir Österreicher bis ins Erwachsenenalter ans Christkind glauben. Über einem Teller ihrer handgemachten Kakao-Tagliatelle mit Porcini habe ich ihr erzählt, dass manche Österreicherin ihrer Figur zuliebe nicht nur das Betthupferl, sondern überhaupt gleich das ganze Abendessen ausfallen lässt. Mit leerem Magen schlafen gehen? Freiwillig? Damit kann die Fünfundzwanzigjährige, die mir gegenüber eifrig – ohne Löffel, versteht sich – Nudeln auf ihre Gabel zwirbelt, genauso wenig anfangen wie mit dem englischen Begriff dafür. Vierzehn Stunden, empfehlen linientreue Abendfaster, sollen zwischen der letzten Mahlzeit an einem und der ersten Nahrungsaufnahme am nächsten Tag liegen. Sagen wir es mal so: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Italiener vierzehn Stunden ohne Unterbrechung am Esstisch verharrt, ist größer. Weiterlesen

Herbert, iss das!

29 Okt

Bild: © Marc Johns

Letztens in der U-Bahn sitzt mir eine Frau mit zwei Mädchen im Volksschulalter gegenüber. Die beiden haben jeweils einen Lutscher im Mund, der rastlos von einer Wange in die andere wandert. „Nach was schmeckt deiner?“, will die eine wissen, woraufhin ihr die andere generös ihren Lutscher entgegenstreckt. In diesem Moment schreitet die Mutter empört ein: „Nein! Wie grauslich – den hat sie ja schon im Mund gehabt!“. Da fährt die gute Frau mit den Kleinen zur Grippesaison mit der U-Bahn, stopft ihnen die Mäuler mit kariesfördernden Zuckerbällen und kriegt die Krise, wenn ihr Kind einmal über den Lutscher seiner besten Freundin schlecken will. Würde mich nicht wundern, wenn sich in ihrem keimfreien Badezimmer auch der Seifenspender mit Bewegungsmelder aus der Werbung findet, mit dem man seinem Kind in Nullkommanichts das natürliche Immunsystem aberziehen kann. Sauerkraut, Käse und Tofu hingegen dürften bei dieser Familie Hausverbot haben. Der triste Anblick ihres Kühlschranks wird wohl nur noch durch jenen ihres inhaltslosen Weinkellers getoppt. Neben Pilzen und Enzymen sind es schließlich in erster Linie Bakterien, die besagte Lebensmittel zu dem Genuss machen, der sie sind. Weiterlesen

Wie man auf höchstem Niveau tief ins Glas schaut.

2 Apr

Bild: © Graphicshunt.com

Verkostungen sind schwer im Trend. Doch während man sich scheinbar endlos durch verschiedenste Obst- und Gemüseraritäten, Gewürz- und Käsesorten kosten kann, dauert es bei Degustationen von Alkoholika nicht lange, bis man an seine Grenzen stößt. Die ersten mit edlem Rebensaft gefüllten Gläser werden noch enthusiastisch geschwenkt, andächtig beschnuppert und wie der Zaubertrunk von Mirakulix in kleinen Schlucken genippt, ein paar Runden später ist der Wissensdurst gestillt und es wird einfach nur noch getrunken. Feine Noten wie “fruchtig”, “blumig”, “würzig” oder “zitrusartig” sind wie weggespült und spätestens ab dem vierten Glas schmeckt jeglicher Inhalt, unabhängig von seinem Preis, einzig und alleine nach Wein. Dass dabei neben dem eigenen Urteilsvermögen auch der Genussfaktor ganz schnell verwässert, haben meine Kollegen und ich bei unserem Besuch in Vinopolis, dem Londoner Wein- und Spirituosen-Mekka, am eigenen Leib erfahren. Die Herausforderung: Sechs Weine, zwei Sorten Rum, zwei Whiskeys, zwei Biere – die sich später als Ales entpuppen sollten – zwei Arten Absinth und obendrein noch drei Bombay Sapphire Cocktails verkosten. Anfängliche Bedenken und uns von unseren Eltern eingetrichterte Regeln à la “Bier auf Wein, lass es sein” wurden sogleich mit einem italienischen Barolo und einem neuseeländischen Gewürztraminer hinuntergespült. Connaisseure, denen angesichts des Verkostungspensums das Wort “Ausspucken” auf der Zunge brennt, seien an dieser Stelle über die Abwesenheit von jeglichen Spuckbehältern in diesem über einen Hektar großen Disney Land des Hochprozentigen informiert. Abgesehen davon verbinde ich die Kombination Trinken-Spülen-Spucken eher mit einer Zahnarztpraxis als mit einem Weinkeller. Bei einer Verkostung erfährt man nicht nur etwas über das konsumierte Produkt, sondern vor allem über sich selbst. Ich zum Beispiel weiß jetzt, dass ich jungen Whiskey genauso abstoßend finde wie lange gereiften, dass Engländer und ich vollkommen verschiedene Vorstellungen von Bier haben und, dass Rum – sei es auch der beste aus Jamaika – für mich immer ein Mischgetränk bleiben wird. Vor allem aber habe ich gelernt, dass der Grad zwischen Degustation und Trinkgelage ein schmaler ist und er sich am besten mit einer nahrhaften Unterlage beschreiten lässt. Ein paar spanische Oliven machen nämlich das Kraut nicht fett und den Alkohl nicht weniger wirksam. Vielleicht hätten wir das im Anschluss geplante Abendessen lieber vorziehen sollen – oder einfach unsere eigenen Trinkgefäße aus Amethyst einschleusen. Immerhin waren die alten Griechen der Überzeugung, die Rottöne von Wein (griechisch: méthy) und Stein würden sich gegenseitig und damit auch die alkoholisierende Wirkung aufheben. Aber Damenspitz hin oder her, unser einstimmiger Favorit unter den edlen Tropfen aus aller Welt war jedenfalls ein deutscher Riesling. Der “Reichsgraf von Kesselstatt Riesling Kabinett” ist abgesehen vom Londoner Vinopolis online über die Website des Weinguts erhältlich – für den Fall, dass ihn jemand verkosten oder einfach nur trinken möchte.

Wo man wortwörtlich noch essen geht.

3 Okt

Bild: © Sarah Krobath

Kaum einer geht heutzutage noch essen. „Wie bitte?“, werden sich jetzt einige wundern und ihre beachtlichen Ausgaben für Lokalbesuche in diesem Monat überschlagen. Die Liste an neueröffneten Restaurants ist lang und die Warteliste, um in den richtig guten davon einen Tisch zu bekommen, ebenso – Gäste dürfte die Gastronomie also mehr als genug haben. Gemeint ist auch nicht, dass niemand mehr außer Haus isst, sondern dass es immer seltener unsere Füße sind, die uns zum üppig gedeckten Tisch führen. Statt in ein Restaurant zu gehen, fährt man lieber mit dem Auto, gönnt sich ein Taxi oder nimmt für ein, zwei Stationen schon mal die U-Bahn – als könnten sich die auf dem Hinweg verbrannten Kalorien negativ auf der Rechnung niederschlagen. Dabei gibt es doch nichts Schöneres, als sich sein Mahl auf einem anstrengenden Marsch erst zu verdienen. Das Beste am Schulwandertag war nicht etwa das Gruppenfoto vor dem Gipfelkreuz, sondern der Proviant im Rucksack. Alleine der Gedanke daran hat in so manchem Trödelfritze den Reinhold Messner geweckt. Mit Gouda-Semmel, Banane und Trinkpackerl lockt man freilich keinen über Zehnjährigen hinter seinem vollgestopften Kühlschrank hervor – mit Heurigenspezialitäten, hausgemachten Mehlspeisen und gutem Wein schon eher. Das haben auch die Wiener Weinbauern erkannt und letztes Wochenende ganz unter dem Motto „Das Jausnen ist des Wanderers Lust“ zum 5. Wiener Weinwandertag aufgerufen. Zwei Wanderrouten führen einen quer durch die Wiener Weinberge von einer Labestation zur nächsten, wo Liptauerbrot, Bergkäse mit Dirndlmarmelade, Zwetschgen-Mohn-Strudel und Kürbiscremesuppe dafür sorgen, dass sich der Hunger nach jedem zehnminütigen Fußmarsch von ganz alleine einstellt, vom Durst ganz zu schweigen. Für eine gemütliche Runde braucht man bei normaler Geh- und Ess-Geschwindigkeit etwa drei Stunden – es sei denn, man bemüht sich der Gerechtigkeit halber, bei wirklich jedem Winzerstand ein Achterl zu heben. Dann weiß man nämlich erst recht nicht, ob es wirklich die eigenen Beine waren, die einen ins Ziel getragen haben.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 409 Followern an